Lateinamerika, Venezuela, Mentalität

Venezuela unter Beachtung lateinamerikanischer Befindlichkeiten

Um die Situation in Venezuela (Kleines Venedig) besser  verstehen zu können , bedarf es unbedingt der Beleuchtung des historischen, ethnologischen, ökonomischen, sozialen und politischen Rahmens, der  in ganz Lateinamerika etliche Gemeinsamkeiten ausdrückt :

1.Diese gewaltigen Gebiete  wurden von den spanischen Conquistadores  mit größer Brutalität erobert  und regelrecht jahrhundertelang ausgebeutet.

2.Die Frauen der Indigenas (Ureinwohner) wurden  massenweise vergewaltigt (noch heute gilt die Vergewaltigung als Kavaliersdelikt) wodurch  eine Mischbevölkerung entstanden ist. Hinzu kamen die afrikanischen Sklaven , die sich ebenfalls mit den Indigenas , den Weißen und den Mestizos vermischt haben. Somit können wir in den meisten lateinamerikanischen Ländern neben den Vertretern von Indigenas, von Weißen und von Afrikanern, die Mestizos ( Mischung von Einheimischen und Weißen), die Mulatos (Mischung von Weißen und Afrikanern) sowie verschiedenen Mischungen,  zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen  was sich in den vergangenen Jahrhunderten sukzessive vollzogen  hat.

3.In der inoffiziellen, aber reell vorhandenen sozialen Pyramide stehen die Weißen ganz  oben, ihnen folgen die Mulatten, danach folgen de Mestizos  und an letzter Stelle befinden sich die Nachkommen  der Ureinwohner. Nur in  Mexiko rangieren die Mestizos vor den Afrikanern. Aus dieser sozialen Pyramide lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass die Gesellschaft ethnologisch betrachtet, gespalten ist.

Es existiert  noch eine Spaltung, die noch größer und  verheerender ist : Zwischen der Mehrheit der Armen Menschen  vor allem der campesinos (Bauern)   auf der einen Seite und der Oligarchie , bestehend   vorwiegend  aus  Latifundistas (Großgrundbesitzer) , Großhändlern , höheren Beamten und Offizieren und in den entwickelten Ländern kommen  hinzu  Industrielle. Die Mittelschicht ist relativ schwach, oder gar nicht existent. Sie versucht, zu der Oligarchie vorzustoßen.

4. Die lateinamerikanischen Gebiete wurden nicht gerade von den entwickelsten..  europäischen Staaten kolonisiert  (Spanien und Portugal), die immer noch mit großen ökonomischen und sozialen Problemen  konfrontiert werden. En passant sei erwähnt, dass in beiden Ländern jahrzehntelang Diktaturen herrschten. Im unterschied dazu, wurde Nordamerika mitunter von europäischren Eliten kolonisiert, woraus sogar die heutige Supermacht USA hervorgegangen ist.

5. Den Ureinwohnern wurde die katholische Variante des Christentums gewaltsam aufgezwungen,  aber im Katholizismus sind solche ethischen Kernsätze wie Arbeitsliebe und Leistungsprinzip nicht gerade verbreitet.  Gerade diese ethischen und religiösen Grundsätze sind die solide allgemeine  Basis für die rasante Entwicklung der USA, die wie ein Magnet für die Lateinamerikaner  wirken.

6. Die Lateinamerikanischen Völker haben keine Renaissance und keine Aufklärung erlebt (Individuum, freies, logisches und vor allem kritisches Denken, Befreiung von religiösem Aberglauben) und vor allem keine bürgerliche Revolution mit ihren welthistorischen Errungenschaften wie z. B der citoyen , die Demokratie, der moderne Staat, die Freiheiten der Bürger und die grundlegenden Menschenrechte, der Rechtsstaat, das Staatsbewusstsein   und das Rechtsbewusstsein  der Bürger.

Die Lateinamerikaner haben sich in einem reinen nationalen Unabhängigkeitskampf von der spanischen Kolonialherrschaft befreit  unter der Führung des Venezolaners  Simon Bolivar  (beachte den vollständigen Namen :  Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar y Ponte Palacios y Blanco) genannt in ganz Lateinamerika „El Libertador“ (“Der Befreier“), war übrigens ein Latifundista und ideologisch zwar Anhänger der Französischen Revolution , aber seine Vorliebe galt in erster Linie dem Freimaurertum., d h. abstrakte Gerechtigkeit, keine  konkrete soziale Gerechtigkeit. Die vor etwa zwei hundert Jahren entstandenen unabhängigen Staaten haben fleißig die französische Verfassung  und die Gesetze kopiert, jedoch dafür gab es nicht im geringsten die politischen, sozialen und vor allem ökonomischen  Voraussetzungen. Kurzum : die Basis entsprach nicht dem Überbau. Das Unvorstellbare besteht darin, dass diese Länder die umfangreichsten Verfassungen der Welt haben, aber sie können nicht effektiv sein.

7. Es ist also kein Zufall, dass die  meisten Lateinamerikanischen Länder keine richtig  funktionierende Staaten und  Gerichte und insgesamt  keine entwickelte Demokratie besitzen, Se werden von Diktatoren oder von autoritären Regimen beherrscht. Dabei liegt die Korruption in der DNA dieser Staatsgebilde.

8. Unter den oben erwähnten Bedingungen in ihrer Komplexität ist eine eigenartiges Grundverhaltensmuster (Mentalität) entstanden, welches die folgenden Charakteristika aufweist :

a) Emotio vor Ratio , bekannt international auch als surrealismo  Latinoamericano , d. h. starke Verwechslung der Wunschträume mit der Realität. Dies kommt zutreffend in dem Musical  „Evita“  zum Ausdruck :  „Son ilusiones No son las soluciones“ : „Sie sind Illusionen, Sie sind nicht die Lösungen“.b) Viele Worte und wenige Taten, weil die Worte fast als Selbstzweck betrachtet werden. c) Fehlende Disziplin und Selbstdisziplin, Verwechslung der Freiheit mit der Anarchie. d) Das Leben  genießen und zwar nach Möglichkeit mit wenig Arbeit und geringster Anstrengung.  Es sei daran  erinnert , dass Fidel Castro sich nach nur wenigen Jahren „Sozialismus veranlasst sah, ein Zwangsarbeitsgesetz  zu verabschieden. e) Unzureichend entwickelte Eigenschaften wie Organisationstalent, Systematik, Methodik, Dynamik, Zielgerichtetheit, Willensstärke, Geduld und vor allem Ausdauer. f) Fehlen des Gemeinsinns und der  Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Für das eigene Versagen werden andere verantwortlich gemacht. g) Unterentwickeltes Rechtsbewusstsein, aber dafür ein überdurchschnittlich entwickeltes Rechtsgefühl, welches natürlich extrem subjektiv und fast voluntaristisch interpretiert wird.

Wenn aber Lateinamerikaner in  Ländern mit protestantischer  Tradition  studieren, passen sich dort an  und vermögen, ausgezeichnete Leistungen zu erbringen. Wir haben diesbezüglich große Erfahrungen gemacht.

Diese Mentalität ist möglicherweise der Hauptgrund dafür, dass die Lateinamerikaner jahrzehntelang  eine leichte Beute für die pragmatischen und dynamischen Nordamerikaner  waren und  vielleicht noch sind.

9. Die USA betrachteten bis zum Präsidenten Clinton  die Länder Lateinamerikas als Hinterhof und Einflusssphäre ( z.B. Monroe-Doktrin). Der amerikanische Geheimdienst organisierte  Putsche („Revolutionen“) ,gegen   unliebsame Regierungen und  sogar  während innerer Auseinandersetzungen wurde die amerikanische Regierung  von den „Aufständischen“ um Hilfe Gebeten und dann  setzte sie die Ledernacken in Marsch. Jetzt im Falle Venezuelas hat sich die amerikanische Regierung zunächst damit begnügt, den selbsternannten „Präsidenten“ sofort anzuerkennen.

10. Sollte der autoritäre  Linksnationalist  Maduro  gestürzt werden, so wird danach  nicht unbedingt die Demokratie triumphieren, sondern die Oligarchie wird, wie schon gehabt, die Macht übernehmen  und  sich ausschließlich um  ihr Reichtum  kümmern und natürlich  die campesinos  und die Arbeiter vernachlässigen. Danach werden sie massiv und extrem gewaltsam protestieren, und ein neuer Messias und Gerechtigkeits -Linkspopulist wird sich an die Spitze der Bewegung setzen und an die Macht kommen. All dies hat sich in Lateinamerika (z.B. in Argentinien, in Chile in Bolivien etc.) ziemlich oft wiederholt .

Münchner Merkur, Die Zeit (25.1.19), Tagesspiegel (26.1.19). Weiter in der Facebook-Ausgabe : Süddeutsche Zeitung, Wiener  Zeitung, Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung (alle vom 25.1.19), Neue Zürcher Zeitung Facebook (28.1.19)

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>