Gleichgewichtstheorie und Theorie von den Gegengewichten, Eine Völkerrechtssoziologische Abhandlung, Erster Teil

G

Gleichgewicht und Gegengewichte in der Geschichte ( Anfänge bis 1945 )

( Der text ist im Übersetzungsprozeß ins Spanische und soll als Beitrag sowie zusammen mit dem zweiten Teil als selbständige Abhandlung von einer päpstlichen Universität veröffentlicht werden )

“…τα δυνατά δ` εξ ων εκάτεροι  αληθώς φρονούμεν διαπράσσεσθαι , επισταμένους προς ειδώτας ότι δίκαια μεν εν τω ανθρωπείω λόγω από της ίσης ανάγκης κρίνεται, δυνατά δε οι προύχοντες  πράσσουσι και οι ασθενείς ξυγχωρούσιν” (… das Recht im menschlichen Verkehr nur bei gleichem Kräfteverhältnis zur Geltung kommt, die Särkeren aber alles  in ihrer Macht Stehende durchsetzen  und die Schwachen sich fügen”,)

bekannt in den Politischen Wissenschaften als  : Die Starken tun, was sie wollen, die Schwachen leiden, was sie müssen!”

Thukydides
“Geschichte des Peloponnesischen Krieges”
(Θουκyδίδης, Ιστορία του Πελοποννησιακού Πολέμου , V 89)

Begründung der Themenstellung und Methodologisches

Am Ende des 20. Jh. brach das „Sozialistische Weltsystem“ friedlich zusammen. Zusammen mit ihm verschwand auch die Supermacht Sowjetunion. Nunmehr existiert eine einzige Supermacht, namentlich die USA. So kann man nicht mehr von einem Gleichgewicht sprechen. Zugleich hat sich China zu einer Weltmacht entwickelt. Noch mehr: Es zeichnen sich bereits die Konturen der zweiten Supermacht, namentlich Chinas, ab. Außerdem kann man die Existenz Russlands als Atom- und Weltmacht feststellen, die allerdings kaum eine bestimmende Rolle in den internationalen Beziehungen zu spielen vermag. Insgesamt könnte daher der gegenwärtige Stand in den internationalen Beziehungen als ein Übergangsstadium betrachtet werden.
Im Rahmen dieser dynamischen Situation geht es nicht so sehr um ein globales Gleichgewicht, sondern vielmehr um Gegengewichte, losen oder sogar organisierten Charakters. Unabhängig von der konkreten Rolle der USA in den internationalen Beziehungen, erweisen sich derartige Gegengewichte im Sinne der Wahrung der Interessen der gesamten Menschheit als absolut erforderlich. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um Gegengewichte ausschließlich militärischen Charakters. Allgemeinpolitische, ökonomische und diplomatische Aspekte werden gleichermaßen von Bedeutung sein.

Auf regionaler Ebene sind ebenso ähnliche Prozesse zu beobachten. Der unaufhaltsame Aufstieg Chinas z. B. beginnt allmählich die Nachbarnstaaten Japan und Indien zu beunruhigen. Die Stärkung des schiitischen Iran, verbunden mit einer teilweise aggressiven Außenpolitik, stellt bereits eine Bedrohung Israels und Saudi-Arabiens dar.
Der allmähliche Aufstieg Brasiliens zu einer regionalen Großmacht wird von den anderen lateinamerikanischen Staaten mit Gefühlen der Bewunderung aber auch der Beunruhigung verfolgt. Die Türkei ist dabei, ebenfalls die Rolle einer regionalen Großmacht zu spielen. Die Nachbarnstaaten beobachten entsprechende Aktivitäten der Türkei mit vielen Fragezeichen.

Es wird hier die Auffassung vertreten, dass nach der Beendigung der eingangs erwähnten Übergangszeit die Problematik des Gleichgewichts und der Gegengewichte an Bedeutung erheblich zunehmen wird. Deswegen kommt es darauf an, prognostische Grundlagenforschung zu betreiben, um den notwendigen theoretischen Vorlauf zu schaffen. Wir sind der Ansicht, dass die Untersuchung der Gleichgewichtsproblematik allein aus der Sicht der hauptsächlich US-amerikanischen „Theory of international Relations“ einseitig und unzureichend ist, wie im Rahmen vor allem des zweiten Teils der Themenstellung nachzuweisen ist. Dennoch ist hier auf den beunruhigenden Zustand der US-amerikanischen „political scienses“ mit Nachdruck hinzuweisen : Theoretische Grundfragen der Außenpolitik und der internationalen Beziehungen werden bei völliger Ignorierung des Völkerrechts und der Völkerrechtswissenschaft untersucht, als gäbe es sie überhaupt nicht. Vielmehr wird die „Theorie der internationalen Beziehungen“ eher als Apologetik, also als Rechtfertigung der US-amerikanischen Außenpolitik betrieben.1 Unabhängig von der “Schule“, ob z. B. normatives methodisches Vorgehen und Konstitutionalismus (R. Falk, S. A. Mendlovitz), hermeneutische Gesamtschau, „realistische Schule“ (H. J. Morgenthau, G. F. Kennan, H. Kissinger), dialektische Methoden, politökonomische Analyse (u. a. E. Krippendorf), empirisch-analytisches Vorgehen, allgemeine Systemtheorie (M. A. Kaplan, J. N. Rosenau),
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1 Vgl. hierzu ausführlich Terz (2006), Die Völkerrechtssoziologie, Versuch einer Grundlegung in den Hauptzügen. Defensio Scientia Iuris inter Gentes, en: Papel Politico, Pontificia Universidad Javeriana, 1/11 pp. 250 – 303 (hier insbesondere pp. 275 – 283, Abschnitt “Das Verhältnis zwischen der Völkerrechtssoziologie und der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen.”

induktives Vorgehen, historische Soziologie (R. Aron, S. Hoffmann, R. Rosecrance), deduktives Vorgehen, kritische Entwicklungstheorie (G. Frank, F. H. Cardoso), quantitative Analyse, Arms-Control-Doktrin (u. a. W. Baudisin), komparatistischen Vorgehen, historische Soziologie (R. Aron, S. Hofmann, R. Rosecrance), experimentelle Konstruktion, politische Kybernetik (u. a. K. W. Deutsch) oder heuristische Funktion, allgemeine Systemtheorie (M. A. Kaplan, D. Singer, J. W. Rosenau, R. C. North)2, wird zum einen auf das Völkerrecht überhaupt kein Bezug genommen und zum anderen werden im Großen und Ganzen das Interesse, die Macht, der Einfluss, die Interdependenz, das Kräfteverhältnis, das Gleichgewicht und des Verhalten der Staaten als Hauptkategorien der „Theorie der internationalen Beziehungen“ genannt.3

Als Antwort darauf liegt bereits ein völkerrechtswissenschaftlicher Entwurf vor: die Völkerrechtssoziologie als integraler Bestandteil der Völkerrechtswissenschaft neben der Völkerrechtstheorie, der Völkerrechtsphilosophie, der Völkerrechtsmethodologie, der Völkerrechtsdogmatik und der Geschichte des Völkerrechts sowie der Geschichte der Völkerrechtswissenschaft.4 Während das Völkerrecht als internationale Rechtsordnung im Rahmen der Wissenschaft (Lehre) von den Internationalen Beziehungen keine Rolle spielt, geht im gewaltigen Unterschied davon die Völkerrechtssoziologie von der Normativität des Völkerrechts aus. D. h., bei ihr stehen im Mittelpunkt die grundlegenden Völkerrechtsprinzipien.
Ihr Gegenstand geht jedoch darüber hinaus. So betrachtet, weist die Völkerrechtssoziologie einige Gemeinsamkeiten mit der Wissenschaft von den Internationalen Beziehungen auf, wie z. B. einige Hauptgegenstände bzw. Hauptkategorien.

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2 Hierbei wird auf die genauen Untersuchungsergebnisse der folgenden Arbeit zurückgegriffen: Behrens, H. Noack, P. (1984), Theorien der internationalen Politik, München, pp. 81 – 102.

3 Als Gegenstände der Theorie der internationalen Beziehungen werden genannt generell die Gesamtheit der internationalen Beziehungen unterschiedlicher Art zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren und speziell Macht und Ohnmacht, internationale Politik und internationale Gesellschaft, Wohlstand und Armut, Revolution und Stabilität etc. Vgl. Terz, P. (Anm. 1), pp. 276.

4 Vgl. hierzu die bereits vorliegenden Forschungsergebnisse: Terz, P. (1992), Die Polydimensionalität der Völkerrechtswissenschaft oder Pro scientia lata iuris inter gentes, in: Archiv des Völkerrechts, 4/30, pp. 442 – 481; id. (2000), Die Völkerrechtsphilosophie, Versuch einer Grundlage in den Hauptzügen. Pro scientia ethica iuris inter gentes, en: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, 2/86, pp. 168 – 184; id. (2006), Die Völkerrechtstheorie, Versuch einer Grundlegung in den Hauptzügen. Pro Theoria Generalis Scientiae Iuris inter Gentes, en: Papel Politico, 2/11, pp. 683 – 737; id. (2007), Die Völkerrechtsmethodologie – Versuch einer Grundlegung in den Hauptzügen. Ad Promotionem Gradus Investigationis Scientiae Iuris Inter Gentes, 1/12, pp. 173 – 208.

Zum Gegenstand der Völkerrechtssoziologie gehören jene Faktoren der internationalen Beziehungen, die mit der Völkerrechtsordnung im Zusammenhang stehen. Speziell handelt es sich um Faktoren, die für die völkerrechtliche Normenbildung und Normendurchsetzung von entscheidender Bedeutung sind. Der eigentliche Gegenstand der Völkerrechtssoziologie ist vorwiegend in der Realität der internationalen Beziehungen angesiedelt. Dabei geht es generell um soziale und politische Aspekte völkerrechtlicher Problemstellungen. Hierzu gehören unter den gegenwärtigen internationalen Bedingungen die folgenden Fragenkomplexe: die globalen Herausforderungen der Menschheit (z. B. Unterentwicklung, Schutz der menschlichen Umwelt, Ressourcen-Knappheit, Internationaler Terrorismus etc.); die Interessen der Menschheit, der Staaten und der Völker; der politische Wille der Staaten; die Macht, der Einfluss und das internationale Kräfteverhältnis; das Gleichgewicht und die Gegengewichte; die Stabilität, die Entwicklung und Veränderung in den internationalen Beziehungen; die geopolitischen und geostrategischen Faktoren; das Verhalten der Staaten; die internationale öffentliche Meinung; die Verhandlungen, die Konsultationen und die politischen Abmachungen und Normen; das Verhältnis zwischen den politischen Normen und den Rechtsnormen; die Deklarationen/Resolutionen der UNO und anderer universeller zwischenstaatlicher Organisationen und die Schlussakten internationaler Staatenkonferenzen; die politische Verantwortlichkeit; die politischen Gründe für Völkerrechtsverletzungen; der Einfluss der internationalen Politik auf das Völkerrecht und umgekehrt; das Verhältnis zwischen der Völkerrechtswissenschaft und der Wissenschaft von den Internationalen Beziehungen; die sozialen und politischen Aspekte des Verhältnisses von Völkerrecht und innerstaatlicher Rechtsordnung.

Die Völkerrechtssoziologie hat als Wissenschaftsdisziplin in statu nascendi ihre eigene Theorie, Methodologie, Dogmatik und Geschichte. Die Theorie der Völkerrechtssoziologie dient dazu, die internationalen Beziehungen zu rationalisieren und zu erklären. Sie hat hauptsächlich die folgenden Materien: Bedeutung der Völkerrechtssoziologie als integraler Bestandteil der Völkerrechtswissenschaft; Verhältnis der Völkerrechtssoziologie zur Soziologie, zur Rechtssoziologie, zur Wissenschaft von den internationalen Beziehungen sowie zu den anderen Bestandteilen der Völkerrechtswissenschaft; theoretische Aspekte des Interesses und des politischen Willens der Staaten; soziale und politische Aspekte des Völkerrechts; Interessen, Macht, Einfluss, Gleichgewicht und Gegengewichte in den internationalen Beziehungen; System- und Strukturfragen der politischen Normen; Entstehung und Durchsetzung politischer Normen.

Die Methodologie der Völkerrechtssoziologie erfasst die völkerrechtssoziologischen Methoden und Mittel, Wege und Verfahren mit dem Ziel, völkerrechtssoziologische Erkenntnisse zu erzielen. Im Wesentlichen geht es um die folgenden Methoden: Objektivität, Analysis und Synthesis, Komplexität, Systemhaftigkeit, Globalität, Universalhistorismus, Realitätsbezogenheit und Differenziertheit.5 Somit ist die Völkerrechtswissenschaft und speziell die Völkerrechtssoziologie wohl imstande, sich mit der nach wie vor vorhandenen Problematik des Gleichgewichts und der Gegengewichte gründlich und überzeugend zu befassen.

Es sollen zugleich große Versäumnisse innerhalb der internationalen Völkerrechtswissenschaft, speziell nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der Gleichgewichtserforschung, nachgeholt werden. Denn, abgesehen von seltenen Ausnahmen, auf die noch eingegangen werden soll, schweigen die Völkerrechtler und überlassen die gesamte Gleichgewichtsfrage den größtenteils völkerrechtsintiffenten bzw. völkerrechtsfeindlich eingestellten US-amerikanischen Politologen, die es noch dazu fertig gebracht haben, auch in dieser speziellen Problematik international die Wissenschaft von den internationalen Beziehungen erheblich zu beeinflussen. Es gibt aber erfreulicherweise einige Anzeichen dafür, dass einzelne Politologen dem Völkerrecht Aufmerksamkeit schenken.6

Das Gleichgewicht und die Gegengewichte haben, als epistemischer Terminus Technicus sowie als ontologisches Phänomen ihre Theorie. Sie besteht in erster Linie darin, das Wesen eines Gegenstandes zu erfassen und zu erklären. Es gilt somit, das Gleichgewicht und die Gegengewichte in ihrer Polydimensionalität einzufangen und in ihr Wesen einzudringen. Es handelt sich somit um das „Was“ des Gleichgewichts und der Gegengewichte.

Das Gleichgewicht und die Gegengewichte haben ferner ihre eigene Philosophie. Ihre Aufgabe ist es, die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten. Es gilt, die eigentlichen Gründe für die Entstehung des Gleichgewichts und der Gegengewichte als Idee sowie als Realität zu erkunden. Hierdurch werden das Gleichgewicht und die Gegengewichte in ihrer ganzen Breite

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5 Vgl. hierzu besonders ausführlich: Terz, P. (Anm. 4, 1992), pp. 454 – 464; id. (Anm. 1), pp. 263/264, 269 – 275, 278 – 283. Aus Platzgründen kann auf die Wissenschaft von den Internationalen Beziehungen nicht ausführlich eingegangen werden.

6 So beispielsweise Xintian Yu (2008), The change of the world in the early twenty first century and China´s strategy of peaceful rise, in: Chari Chandra (Ed.), War, Peace and Hegemony in a Globalized World, The changing balance of power in the twenty – firtst century, New York, pp. 135 ss.

verständlich gemacht. Das Gleichgewicht und die Gegengewichte haben außerdem ihre eigene Methodologie. Im Mittelpunkt methodologischer Überlegungen steht die Frage nach dem „Wie“, d. h. welche Wege, Methoden eignen sich in besonderem Maße, um die oben erwähnten Fragen nach dem „Was“ und nach dem „Warum“ überzeugend zu beantworten.7

Das methodologische Grundgerüst der vorliegenden Studie besteht in den folgenden Grundsätzen:

a ) Interessenbezogenheit. Es wird davon ausgegangen, dass Interessen das Handeln der Völker bestimmen (Hegel), und dass die Interessen die wichtigste Triebkraft der menschlichen Handlungen sind (Helvetius).8 Bringt man die Staatsinteressen in Verbindung mit der Gleichgewichts- und Gegengewichtspolitik der Staaten, dann wird Wesen des Gleichgewichts und der Gegengewichte evidenter.
Dennoch wird hier sachlich konstatiert, dass, soweit überblickbar, dieser Zusammenhang in der internationalen Fachliteratur noch nicht herausgearbeitet worden ist. Dies gilt insbesondere bei der Untersuchung der historischen Aspekte des Gleichgewichts und der Gegengewichte.

b )
Historizität (Historische Methode). Sie bedeutet in erster Linie, dass sowohl die Gleichgewichts- und die Gegengewichtspraxis der Staaten als auch die Gleichgewichtsauffassungen als ideeller Reflex der entsprechenden Realität historisch konkret gewesen sind. D. h., dass sie unter konkreten historischen Bedingungen und Interessenkonstellationen entstanden sind. Dabei sind Form (genaue Bezeichnung) und Inhalt des Phänomens Veränderungen unterworfen. Daher sind Gleichgewichts- und Gegengewichtspraktiken nur in ihrem vielschichtigen historischen Kontext zu beobachten. Eine ahistorische Sicht derartiger Prozesse würde zu Fehlinterpretationen führen. So kann festgestellt werden, dass in den meisten relevanten Publikationen die Gleichgewichtsproblematik an sich behandelt wird, ohne äußerst entscheidende Zäsuren in

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7 Die entscheidende Bedeutung der drei Fragezeichen “Was” (Theorie), “Warum” (Philosophie) und “Wie” (Methodologie) ist zum ersten Mal in dem Grundsatzbeitrag von Terz, P. (Anm. 4, 2006) erarbeitet worden.

8 Vgl. zu der Interessenproblematik sehr ausführlich, Terz, P. (2009), Interessentheorie. Eine Studie im Koordinatensystem von Philosophie, Epistemologie und Völkerrechtssoziologie, en: Papel Politico, 1/14, pp. 223 – 272. Vgl. ferner Terz, P., Pastrana, E. B. (2007), El Derecho Internacional al Despuntar el Siglo XXI, Un Punto de Vista Sociológico del Derecho Internacional Ad Defensionem Iuris Inter Gentes, en: Papel Politico, 2/12, pp. 535 – 564. Es ist kein Zufall, dass Interesse und Gleichgewicht im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen.

der Geschichte der internationalen Beziehungen zu berücksichtigen wie z. B. die historisch essentielle Schaffung des modernen Völkerrechts nach 1945. Noch bis Ende des 19. Jh. gab es stets eine enge Verbindung von Gleichgewicht und Völkerrecht, worauf noch ausführlich eingegangen werden soll.

Zu diesem Zweck erweist es sich daher als geboten und nützlich, eine Periodisierung des Völkerrechts vorzunehmen.
(1) Die große Periode des „Europäischen Völkerrechts“ („Droit Public de l Europe“, „ Jus Publicum Europaeum“) und danach das „Völkerrecht der christlichen Nationen“ (beides von 1648 – 1856). Die wichtigsten Ereignisse dieser Periode waren der Westfälische Friedensvertrag (1648), die Beendigung des 30-jährigen Krieges, die Koexistenz von Katholizismus und Protestantismus in Europa und die Proklamierung der Doktrin Pacta sunt servanda.
(2) Die Periode des Völkerrechts der „Zivilisierten Nationen“ (1856 – 1945).9 Gerade in dieser Periode entwickelte sich der Kapitalismus zu seinem imperialistischen Stadium, und es fanden die zwei verheerenden Weltkriege statt. Abgesehen von unwesentlichen Entwicklungen, herrschte von Anfang an bis 1945 grundsätzlich das Jus ad bellum, dem Wesen nach das Unrecht, Aggressions-, Annexions- und Kolonialkriege zu führen. Dieses „Recht“, Kriege zu führen, wurde sogar als der höchste Ausdruck der staatlichen Souveränität betrachtet. Somit herrschten das „Recht des Stärkeren“ und ungleichberechtigte Verträge.
(3) Seit 1945 (UNO-Charta) gibt es die Periode des Völkerrechts der „friedliebenden Nationen“.

Es liegt auch eine weitere Periodisierung des Völkerrechts vor: Spanisches Zeitalter (1500 –1648); Französisches Zeitalter (1648 –1815); Englisches Zeitalter (1815 –1914), Epoche der beiden Weltkriege (191–1945); Amerikanisch-Sowjetisches Zeitalter (1945 – 1991), (K.-H. Ziegler, Völkerrechtsgeschichte München, 1994). Diese Periodisierung kann jedoch auf die hier zu behandelnde Problematik nur sehr bedingt angewandt werden.

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9 Insgesamt zu der Periodisierung des Völkerrechts vgl. Grewe, W. (1984), Epochen der Völkerrechtsgeschichte, Baden-Baden.

c) Globalität. Der eigentliche Gleichgewichtsgedanke ist in Europa geboren worden. Deswegen war jahrhundertlang die Gleichgewichtspolitik ein rein europäisches Phänomen. Spätestens seit der Beendigung des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich das Gleichgewicht zu einer internationalen Realität. Gerade unter den Bedingungen der Globalisierung hat nunmehr der internationale Aspekt eine höhere Qualität erlangt, da zumindest eine Weltmacht außerhalb des westlichen Kulturkreises, namentlich China, zum globalen Akteur allmählich aufsteigt. Somit entspräche die Globalität des Gleichgewichts und der Gegengewichte der Universalität des Völkerrechts.

d ) Komplexität – Systemhaftigkeit. Das Gleichgewicht und die Gegengewichte weisen seit dem Verschwinden der zweiten Supermacht, namentlich der Sowjetunion, eine gewisse Komplexität auf. Während in den vergangenen Jahrhunderten das Gleichgewicht und die Gegengewichte vorwiegend aus der militärischen Perspektive betrachtet wurden, sieht es, seit die USA die einzige Supermacht sind, etwas anders aus. Dieser Zustand wird dadurch verstärkt, dass die ökonomische Supermacht Japan in militärischer Hinsicht als ein Zwerg angesehen wird. Zugleich ist die neue Weltmacht China nach dem Überholen Deutschlands als dritte ökonomische Weltmacht dabei, 2010/2011 Japan vom zweiten Weltplatz zu verdrängen. Parallel dazu erfolgt eine rasante Modernisierung der chinesischen Streitkräfte auf der Basis von Hochtechnologien. Russland wiederum ist militärstrategisch auf Grund der vorhandenen atomaren Oberkapazität eine Weltmacht mit starken Zügen einer Supermacht. In ökonomischer Hinsicht gehört jedoch Russland zu den mittleren Mächten, während die Europäische Union schon jetzt eine Weltmacht ist, die jedoch keine militärstrategischen Ambitionen besitzt. Die NATO scheint für die EU ausreichend zu sein.
In politisch–diplomatischer Hinsicht spielen Russland und China die Rolle von Weltmächten. Verglichen mit ihnen, besitzen die USA allerdings alle Merkmale einer tatsächlichen Supermacht: militärstrategisch, ökonomisch, hochtechnologisch, politisch-diplomatisch.
Diese Elemente sind Bestandteile eines ontologischen sowie als ideelle Reflexion eines gnoseologischen Systems. Zwischen den Bestandteilen kommt es zu mehreren Synapsen bzw. zu Wechselbeziehungen derart, dass das System eine hohe Dynamik sowie eine höhere Qualität erlangt. Gerade diese Qualität macht gnoseologisch das Wesen der Supermacht aus. Bis auf weiteres wird sich daran nichts wesentlich ändern.

e ) Komparativität. Sie bezieht sich sowohl auf den Vergleich von Staaten bzw. in Einzelfällen auch von Staatengruppen in Form von Allianzen als auch auf den Vergleich der einzelnen Elemente innerhalb des entologischen bzw. des gnoseologischen Systems. Es ist anzunehmen, dass die oben genannten Bestandteile des Systems nicht gleichwertig sind.
Zum einen besteht die militärstrategische Kraft nicht immer ohne Wirtschaftkraft und Hochtechnologien, zum anderen kommt es letzten Endes doch auf die militärstrategischen Komponenten an. Unter den Bedingungen der Globalisierung wäre es andererseits durchaus möglich und nötig, ökonomisch, politisch, diplomatisch und hochtechnologisch ausgerichtete Allianzen zu schaffen, die die militärisch-strategische Überlegenheit der Supermacht zu neutralisieren vermögen.
f ) Differenziertheit. Es gilt, zwischen dem globalen Gleichgewicht und dem regionalen Gleichgewicht zu unterscheiden. Teilweise könnte es auch zu Überschneidungen zwischen diesen Gleichgewichtsebenen kommen. Regionale Gleichgewichte spielen speziell in militärstrategisch und rohstoffmäßig neuralgischen Regionen wie z. B. im Vorderen Orient eine eminente Rolle. Erst durch die Beseitigung des iranisch-irakischen Gleichgewichts durch die US-amerikanische Aggression gegen den Irak hat nachträglich deutlich gezeigt, wie wichtig die Existenz dieses Gleichgewichts war. Die Beseitigung des einen Gleichgewichtspartners hat es dem Iran möglich gemacht, zu einer beachtlichen und zugleich bedrohlichen regionalen Großmacht aufzusteigen, die die Nachbarstaaten mehr als beunruhigt.

g)Realitätsbezogenheit. Das Gleichgewicht wird nicht so sehr mit verbalen Deklarationen, sondern vielmehr mit Fakten geschaffen. Es geht also um objektive Parameter wie z. B. Macht, Entwicklung von Hochtechnologien, Politik und Diplomatie. Auf alle Fälle müssen die betreffenden Staaten Sinn für Realität, u. a. vor allem Selbsterkenntnis, besitzen.

h ) Prognose. Es ist bereits angedeutet worden, dass sich allmählich die Konturen der zweiten und nach ca. 20 Jahren der eigentlichen Supermacht, namentlich Chinas, abzeichnen. Allmählich wird sich auch Indien zu einer Supermacht entwickeln. Dann aber hätte die Menschheit drei Supermächte, Vertreter der drei Hauptkulturkreise, nämlich des Westens (Abendlandes), des Konfuzianischen und des Hinduistischen Kulturkreises. Ausgehend von der Menschheitsgeschichte, kann sachlich und neutral konstatiert werden, dass China und Indien in ihrer Geschichte sich als friedliebende Staatswesen bewährt haben. Sie führten vorrangig Verteidigungskriege.
Im Gegensatz dazu haben die USA andere Staaten des öfteren mit Aggressionskriegen überzogen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass die USA plötzlich zu einem friedliebenden Staat mutieren wird.

In methodischer Hinsicht hat es sich als ratsam erwiesen, zu der Gesamtproblematik des Gleichgewichts und der Gegengewichte zwei Grundsatzbeiträge zu verfassen.
Der vorliegende Beitrag ist der erste Teil, in dem es sich vorwiegend um historische Aspekte handelt.
Bei dem zweiten Teil werden theoretische Grundfragen im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen (z. B. vor allem Stabilität, Veränderung, Interessen, Frieden, kollektive Sicherheit, Hegemonie, Bipolarität, Multipolarität).

Hinsichtlich der Thematik liegt ein fast 30-jähriger wissenschaftlicher Vorlauf vor. Es sind auch einige Beiträge veröffentlicht worden.10

Linguistische Aspekte des Gleichgewichts

Europäische Wissenschaftler haben sich als erste überhaupt mit der Problematik des Gleichgewichts befasst. Zu diesem Zweck haben sie sukzessive entsprechende Begriffe bzw. Termini Technici geprägt. Hier sollen nur die wichtigsten erwähnt werden. Als Grundlage hierfür dienen mehrere ältere Publikationen.

Als Ursprung des Begriffs „Gleichgewicht“ gelten die Wörter „bilanx“ („zwei Schalen habend“’, Vulgärlatein 14. Jh.), später bekannt geworden als „balance“11 und „aequilibrium“ (etwas eher „aequilibritas“ oder „aequipondium“) mit der Bedeutung „Gleichheit des Gewichts“, „Gleichstand der Waagschalen“, „Gleichwiegung“ und „Gleichwägung“.12 Im Französischen und im Englischen sind verschiedene Formulierungen anzutreffen wie z. B., um die bekanntesten zu nennen, „equilibre du pouvoir“ („Gleichgewicht der Kräfte“), „balance du pouvoir“ („Waageschale der Kräfte“), „balance de forces“ („Gleichgewicht der Kräfte“), „systeme des contrepoids“ („System der Gegenkräfte“), „balance egale“ („gleiche

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10 Terz, P. (1981), Komplexität, Globalität und universal-historisches Vorgehen als methodologische Grundsätze gesellschaftswissenschaftlicher Forschung (demonstriert am Beispiel von Gleichgewicht, „Gemeinwohl“ und Consensus), en: Das Hochschulwesen, Nr. 5; Terz, P./Pastrana, E. B. (Anm. 8), pp. 543 ss.

11 Vgl. Fenske, H. (1975), Gleichgewicht, Balance, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland (Hrsg. D. Brunner et alt.), Band 2, Stuttgart, S. 360.

12 Vgl. Deutsches Wörterbuch (1949), (Hrsg. Grimm, J./Grimm W.), Band 7, Leipzig. Erst im 16. Jh. erfolgte die Übernahme dieses lateinischen Begriffes in die deutsche Sprache.

Waagschale“), „balance of Europe“ („Gleichgewicht von Europa“) etc.13 In Deutschland wurde der Begriff „Gleichgewicht“ im 18. Jh. eingeführt. Allmählich setzte sich in Europa die Standardformulierung „Justum Potentiae Aequilibrium Europaeum“ durch.14

Wesen und Bedeutung des Gleichgewichts und der Gegengewichte

Zunächst ist herauszuarbeiten, woher ganz allgemein die Konzeption von Gleichgewicht stammt. Es liegt bereits ein Consensus Doctorum et Professorum darüber vor, dass die Gleichgewichtskonzeption aus der mechanischen Physik stammt.15 Zunächst haben Philosophen diese Idee übernommen. So schreibt Hobbes: „Gleichgewicht besteht, wenn der Conatus eines Körpers, der einen der Arme drückt, dem Conatus eines anderen Körpers, der den anderen Arm drückt, widersteht, so dass die Waage nicht bewegt wird.“16 Im allgemeinen wird der Gleichgewichtsgedanke mit dem rationalen mathematischen Geist der Aufklärung in

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13 Vgl. den ausführlichen Überblick der Termini Bucher, L. (1887), Über politische Kunstausdrücke, II. Politisches Gleichgewicht, in: Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart (Hrsg. Fleischer, R.), 3/12, Breslau, S. 335 ff.

14 Schon im 4. Jahrtausend v. Chr. war die symbolhafte Abbildung der Waage Sinnbild für die Gerechtigkeit. Vgl. Demandt, A. (1978), Metaphern für Geschichte, Sprachbilder und Gleichnisse im historisch-politischen Denken, München, S. 303.

15 Vgl. stellvertretend für zahlreiche Bomze, C. I. (1982), Gleichgewichtstheorie: Dynamische Methode und Stabilität, Wien, S. 4 ff. Es wird die engere Bedeutung des Gleichgewichts unterstrichen: „Zustand, in dem alles still steht.”

16 Hobbes, Thomas, Grundzüge der Philosophie, Erster Band, III. Teil, 23. Kapitel, Nr. 157 von : „Die Philosophische Bibliothek“ Leipzig (ohne Jahresangabe), S. 132. Ferner schreibt Hobbes: „Stehen Gewicht und Entfernung vom Mittelpunkt der Waage zweier Körper im reziproken Verhältnis, dann halten sie sich das Gleichgewicht und umgekehrt.“

Verbindung gebracht.17 Im wesentlichen läuft dies auf ein Ausbalancieren der sozialen und politischen Kräfte hinaus, um damit wichtige Entwicklungen regulieren zu können. Aber dialektisch betrachtet, kommt es insgesamt nicht auf die Entwicklung durch innere Widersprüche an. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen vielmehr äußere Kräfte, von denen die Entwicklung beeinflusst wird. Der äußere Anstoß könne den Zustand des Gleichgewichts verändern. Hierbei handelt es sich um eine „mechanische philosophische Lehre“, der jedwede
Dialektik fehlt.18

Diese eher status-quo mechanische Konzeption kann allerdings auf soziale, ökonomische, politische und ähnliche Prozesse, die stets einen dynamischen Charakter besitzen, nicht ohne weiteres angewandt werden. Dies gilt uneingeschränkt für die äußerst dynamischen internationalen Beziehungen. Für derartige Prozesse gibt es bereits adäquate, weiterentwickelte Gleichgewichtsmodelle sowohl für soziale Phänomene des Mikrokosmos als auch des Makrokosmos ( Strohmayer, A, (1994), Theorie der Interaktion,Wien, S14-29).

Aus der oben erwähnten Dynamik der internationalen Beziehungen ergibt sich, dass das Gleichgewicht ebenfalls ein dynamisches Phänomen ist, das jedoch nur in einer Momentaufnahme als Zustand erscheint. Dieser entscheidende Aspekt bleibt in der internationalen Fachliteratur weitestgehend unbeachtet. In vielen Variationen wird das Gleichgewicht generell als Zustand gekennzeichnet. Zu nennen ist z. B. in erster Linie Hans J. Morgenthau, der als einer der besten Kenner dieser Materie gilt: „Der Begriff „Gleichgewicht der Mächte“ wird hier in vier verschiedenen Bedeutungen gebraucht im Sinne

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17 Vgl. insbesondere Bonjour, E. (1946), Europäisches Gleichgewicht und Schweizerische Neutralität, Rektoratsrede, 20. Heft der Basler Universitätsreden, Basel, S. 7. Nach dieser Konzeption sei es ebenso möglich, Entwicklungen künstlich anzuhalten, um unter Umständen ein ethisches Ziel wie z. B. der Friedenserhalt zu erreichen.

18 Diesbezüglich ist uneingeschränkt zu folgen Heyden, G. (1976), Stichwort „Gleichgewichtstheorie“, in: Philosophisches Wörterbuch ( Hrsg. G. Klaus/M. Buhr ), Band 1, Berlin, S. 504. Nach seiner Meinung verändert sich auch das gesamte Milieu des jeweiligen Zustandes.

einer Politik, die (1) auf einen bestimmten Zustand abzielt, (2) eines tatsächlichen Zustandes, (3) ungefähr gleicher Verteilung der Macht und (4) jeder Art der Verteilung der Macht“.19 Diese Position ist des öfteren von führenden Vertretern der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen wiederholt worden.20
Im Unterschied dazu wird hier entsprechend der Theorie der Interaktion die Auffassung vertreten, dass das Gleichgewicht dem Wesen nach eine Beziehung zwischen einem Staat und anderen Staaten darstellt. Bezugspunkt dieser allgemeinen Relation ist die Machtverteilung. Darüber hinaus gibt es noch das Verhältnis zwischen den speziellen Interessen und der Macht. Diese Beziehung deutet ferner auf eine Konkurrenz der Macht zwischen bestimmten Staaten hin.21 Interessentheoretisch betrachtet, versucht ein Staat seine Machtinteressen auf eine Art und Weise durchzusetzen, dass hierdurch existentielle Interessen, vor allem ihre Unabhängigkeit, bedroht werden. Dies ist der entscheidende Punkt, an dem die oben genannte Beziehung entsteht. Die betroffenen Staaten reagieren auf die egoistische Interessendurchsetzung eines Staates je nach der jeweiligen eigenen Kraft. Ein ohnehin starker Staat versucht, seine Macht noch mehr zu stärken, um seine Interessen besser schützen zu können. Kleineren Staaten bleibt nichts anderes übrig, als sich zusammen zu schließen. Hierdurch werden die notwendigen Allianzen geschaffen, die der Zielstellung nach wirksame Gegengewichte sein sollen. Somit gehören Gleichgewicht und Gegengewichte als ontologische sowie

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19 Morgenthau, Hans, J. (1963), Macht und Frieden, Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik (Original: „Politics among Nations“, New York 1948), Gütersloh, S. 145. Dieses Buch gilt übrigens als die „Bibel“ des „Neo-Realismus“ in den internationalen Beziehungen.

20 Vgl. stellvertretend für mehrere Autoren: Claude, Inis, L. (1969), Power and International Relations, New York (Balance of Power als eine Situation, als eine Politik und als ein System); Schwarzkopf, D. (1969), Atomherrschaft, Politik und Völkerrecht im Nuklearzeitalter, Stuttgart-Degerloch, S. 96 (Gleichgewicht als augenblickliches Kräfteverhältnis, als politischer Status und als ein politisches System); Paul, T. V./Wirtz, James J./Fortmann, M. (2004), Balance of Power, Theory and Practice in the 21st Century, Conlusions, Standford (Gleichgewicht als eine Politik der Strategie sowie als ein Resultat), p. 368.

21 Vgl. ähnlich auch Paul, T. V. (2004), Introduction: The Enduring Axiom of Balance of Power Theory and their Contemporaty Relevance, in : Paul, T. V. /Wirtz, James J./Fortmann, M. ( Anm. 20), pp. 1 ss. Ausgangspunkt seiner diesbezüglichen Überlegungen ist der starke Wunsch der Staaten, weiter zu existieren. Dazu benötigen sie Macht, von der ihr Bestand abhängt. Hierdurch entsteht eine Konkurrenz der Macht als ein normaler Zustand.

gnoseologische Fragenstellungen aufs engste zusammen. Erst durch die Schaffung von Gegengewichten gewinnt die Gleichgewichtsproblematik an Relevanz.
Normalerweise sollte es eher „Theorie der Gegengewichte“ als „Theorie des Gleichgewichts“ heißen. Dies ist der Grund, warum in dem vorliegenden Beitrag bereits im Titel als Mittelweg von der Theorie des Gleichgewichts und der Gegengewichte die Rede ist. Somit überblickbar ist dies, international gesehen, zum ersten Mal erfolgt.

Gerade durch die Schaffung der adäquaten Gegengewichte wird das in der Fachliteratur oft erwähnte „Ausbalancieren der Kräfte“ erreicht. Am zutreffendsten hat Carl Schmitt bereits in den 50er Jahren des 20. Jh. dies formuliert: „In vieler Hinsicht besagt das Wort und die Vorstellung eines Gleichgewichts, eine èquilibre, auch heute noch für viele nichts anderes als eine ausbalancierte Ordnung von Kräften und Gegenkräften im Allgemeinen, die zu einem Ausgleich gekommen sind.“22

Es besteht gleichermaßen die Möglichkeit, einer Annäherung an die Problematik auf der Grundlage der Systemtheorie. Es wird davon ausgegangen, dass in Frage kommende Staaten hinsichtlich der Macht ein ontologisches System darstellen, das sich durch Stabilität auszeichnet. Sie kann erheblich dadurch gestört werden oder sogar das bestehende Gleichgewicht kann zerstört werden, wenn eines dieser Elemente seine Macht wesentlich zu ungunsten der anderen Elemente stärkt.23 In diesem Falle kommt es auf die objektive Tatsache des zunehmenden Bedrohungspotentials an. Hinzu käme auch der subjektive Faktor hinzu, nämlich die Angst anderer Staaten, dass ihre Unabhängigkeit eingeschränkt wird, ihre grundlegenden Interessen beeinträchtigt werden oder ungebeten die Hegemonie in einer Region oder international von einem starken Staat übernommen wird.
Wenn in Ausnahmefällen das diplomatische Geschick fehlt und parallel zu großen Rüstungsanstrengungen konkrete Drohungen wiederholt gegen einen bestimmten Staat ausgestoßen werden, dann muss wohl der betroffene

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22 Schmitt, C. (1950), Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, Köln, S. 161.

23 Dieser interessante Gedanke ist bereits in den 50er Jahren des 20. Jh. von Hans J. Morgenthau entwickelt worden. Vgl. Macht und Frieden (Anm. 19), S. 147.

Staat angemessen darauf reagieren. So ist dies bei dem Iran der Fall. Immerhin erklärt der damalige iranischer Präsident fast im Stil einer thibetanischen Gebetsmühle die feste Absicht seines Landes, Israel zu vernichten, was in den gegenwärtigen internationalen Beziehungen einmalig sein dürfte. In diesem konkreten Fall geht es nicht in erster Linie um theoretische Überlegungen über Sinn oder Unsinn der Gleichgewichts- bzw. der Systemstörung, sondern um eine offenkundige Bedrohungssituation eines souveränen Staates, nämlich Israels. Möglicherweise spielt bei dem Iran die historisch wohlbekannte orientalische Prahlerei eine entscheidende Rolle.

Dennoch ist es Fakt, dass derartige Drohungen gegen das in der UN-Charta grundlegende Prinzip des Verbots von Gewaltandrohung und Gewaltanwendung massiv verstoßen (Artikel 2, Ziffer 4).
Der Regelfall liegt aber vor, wenn mehrere Staaten von der rapiden Machtzunahme eines Staates betroffen sind. Letztere können nicht tatenlos zusehen, wie die Bedrohung ständig wächst. Sie müssen handeln, denn „balances of power do not appear or reproduce in a mechanical fashion“.24 Dazu bedarf es vielmehr entsprechender Entscheidungen und Handlungen der Akteure. Letzten Endes kommt es auf die Schaffung von notwendigen und rettenden Gegengewichten an. Dies aber setzt derart den Urheber der Gleichgewichtsstörung unter Druck, dass man durchaus berechtig von einer „Koalitionsfurcht“25 sprechen kann. Sogar die wesentliche Ausdehnung der Macht eines Staates kann unter Umständen durch geeignete Gegenmaßnahmen im Sinne von

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24 So zutreffend Paul, T. V./Wirtz, James J./Fortmann, M. (2004), Conclusions (Anm. 20), p. 366.
Indem die Autoren einen Gleichgewichts-Automatismus ablehnen, richten sie sich indirekt gegen das überholte mechanische Gleichgewichts-Verständnis vergangener Jahrhunderte. Vgl. ferner: Lenz, K./Puchlak, N. (2001), Kleines Politik-Lexikon, Oldenburg, S. 84 (Der Zusammenschluss mehrerer kleinerer Staaten soll die Hegemonie eines Staates verhindern, wodurch das Gleichgewicht wieder hergestellt wird); Morgenthau, H. J. (Anm. 19), S. 159 („Bündnisse sind in einem Mehrstaatensystem zwangsläufige Folge des Gleichgewichts der Macht“).

25 So zutreffend Blühdorn, R. (1956), Internationale Beziehungen, Einführung in die Grundlagen der Außenpolitik, Wien, S. 268 („Aus dem Grundsatze des Gleichgewichts ergibt sich ferner die Regel, dass Staaten sich gegen jeden Staat verbünden, der übermächtig zu werden droht. Daher stammt die „Koalitionsfurcht“ aller mächtigen Staaten“). Tatsächlich „sind im Verein auch die Schwachen stark.“ Reiter, H. (1959), Der Niederschlag des Grundsatzes des europäischen Gleichgewichts im Völkerrecht, Dissertation, Universität Würzburg, S. 11.

Gegengewichten verhindert werden, so zu sagen, bevor es zu spät ist.26 Soweit überblickbar, ist bisher die Problematik der Gegengewichte nicht untersucht worden.
Hier wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, dies zu tun. Das Gleichgewicht stellt eine Beziehung zwischen den Staaten dar. Durch die einseitige und übermäßige Stärkung der Macht eines Staates wird in einer bipolaren Welt dieses Verhältnis erheblich gestört. Der in die ungünstige Lage geratene Staat kann durch eigene Anstrengungen den Gleichgewichtsstand wieder erreichen . Wenn aber seine Kräfte nicht ausreichen, kann er einen ebenso starken Staat oder mehrere mittlere oder kleinere Staaten als Verbündete (Allianz) gewinnen. Hierdurch entsteht ein kollektives Gegengewicht, während es sich im ersten Fall um ein individuelles Gegengewicht handelt. Sein Gegengewicht macht zusammen mit dem Gegengewicht des oder der Partner (Verbündete) die notwendigen Gegengewichte aus. In beiden Fällen sollte man dabei Maß halten, d. h. nicht die Überlegenheit anstreben. Andernfalls würde eine endlose Spirale von Aktion und Reaktion bzw. von Gleichgewicht und Gegengewichten entstehen.
Dabei darf für alle in Frage kommenden Staaten die subjektive Seite, d. h. die Bedrohungsangst nicht unterschätzt werden.
Ebenso prekär kann es sein, wenn kein Gegengewicht bzw. keine Gegengewichte geschaffen werden können. Ein derartiger Zustand könnte den überlegenen Staat trotz Völkerrechts dazu verleiten, militärische Gewalt anzuwenden. So betrachtet, dienen Gegengewichte der Erhaltung des Friedens und der internationalen Sicherheit.

Bezugspunkt des Gleichgewichts bzw. der Gegengewichte ist die Macht der Staaten. Zu ihr gehören mehrere Elemente wie z. B. der Umgang und die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Lage und die Größe des Territoriums sowie die klimatischen Bedingungen, das technisch-ökonomische Element (technische Entwicklung, Stand der Industrie und der Ökonomie), die Frage des Typs und der Wirksamkeit der Regierung, historisch-psychologische Aspekte (Erfahrungen, Mentalität) und schließlich das mitunter entscheidend

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26 Vgl. ähnlich Wolfers, A. (1966), Macht und Indifferenz über das Verhalten der Staaten, in: Nerlich, U. (Hrsg.), Krieg und Frieden in der modernen Staatenwelt, Gütersloh, S. 360. Besonders überzeugend beschreibt Morgenthau, H. ( Anm. 19, S. 144 ) das Verhältnis zwischen der Machtzunahme eines Staates und der Schaffung von Gegengewichten: „Wirft eine Nation das Maximum an Macht, das sie aufzubringen vermag in die Waagschale der internationalen Politik, werden ihre Rivalen ihre maximalen Bemühungen entgegensetzen, um dieser Macht gleichzukommen oder sie zu überbieten.“ Vgl. in etwa ähnlich auch Deutsch, K. W./Singer, J. D. (1970), Multipolar Power Systems and International Stability, in: Edwards, D. V. (1970), International Political Analysis Redings, New York, p. 359.

militär-strategische Element (Umgang und Qualität der Streitkräfte).27 Der Soziologe Max Weber gilt als der erste Forscher, der die Macht umschrieben hat: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, woraus diese Chance besteht.“28 Dieser bündigen Machtdefinition fehlt leider ein Bezug auf das Recht. Zumindest gnoseologisch stellen Macht und Recht, in den internationalen Beziehungen zwischen Macht und Völkerrecht, keinen Gegensatz dar. Im Gegenteil, sie bedingen sich durchaus gegenseitig. Denn eine rechtlose Macht wird zur nackten Gewalt, ein machtloses Recht zur bloßen Farce.“29
Bezogen auf die Gewährleistung des Völkerrechts wird hier die Auffassung vertreten, dass das Gleichgewicht im Sinne des

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27 Vgl. Baehr, P. R. (1977), Power and Influence in international Politics, in: Netherlands International Law Review, 1 – 2/XXIV, p. 7. sicherlich gibt es weitere Elemente wie z. B. die Entwicklung modernster Technologien auf allen wichtigen Gebieten.

28 Weber, Max (1964), Wirtschaft und Gesellschaft, Grundriss der verstehenden Soziologie, hrsg. von Winkelmann, J. 1. Halbband, Berlin/Köln, S. 38. Morgenthau, H. (Anm. 19, S. 71) definiert die Macht als „die Herrschaft von Menschen über das Denken und Handeln anderer Menschen“. Eine ähnliche Macht-Definition prägt ebenso Schwarzenberger, G. (1955), Machtpolitik, eine Studie über die internationale Gesellschaft (Original. „A study of International Society“, New York 1951), Tübingen, S. 9. Er unterscheidet zwischen der Macht und der Gewalt als Anwendung physischer Zwangsmaßnahmen.

29 Jedoch muss beachtet werden, dass das Recht nicht von sich aus Macht schafft. Dazu bedarf es des entsprechenden Staatenwillens. Kimminich, O. (1990), Einführung in das Völkerrecht, München et alt., S. 41. Kunz, J. L. (1956), Der heutige Stand der Wissenschaft und des Unterrichts des Völkerrechts in den Vereinigten Staaten, in: Österreichische Zeitschrift für öffentliches Recht, 4/VII, S. 409/410, stellt in Auseinandersetzung mit Morgenthau, H. klar, dass bezüglich der Effektivität des Völkerrechts zwischen ihm und der Macht ein enges Verhältnis besteht.

Ausgleichs der Kräfte eine durchaus positive Rolle zu spielen vermag30, obwohl es in der Fachliteratur auch Meinungen gibt, die nur auf mögliche Unzulänglichkeiten des Gleichgewichts hinweisen. Dabei wird zwischen dem traditionellen „europäischen Gleichgewicht“ und einer möglichen moderneren Form der Gleichgewichtsanwendungen nicht konsequent differenziert.31

Obschon der Gleichgewichtsgedanke als Ausdruck von Konkurrenz, Misstrauen und Interessen in den zwischenstaatlichen Beziehungen betrachtet werden kann, dient es zum ersten dem Selbstschutzbedürfnis der Staaten und zweitens ist es auch mitunter für die Erhaltung des Friedens durchaus nützlich.32 Es ist daher kein Zufall, dass der international als exzelenter Kenner der Gleichgewichtsmaterie bekannte ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, meint: „Alle ernsthafte Außenpolitik beginnt deshalb damit, das

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30 Eine ähnliche Auffassung ist bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals vertreten worden. Stellvertretend für mehrere Autoren seien nur zwei erwähnt: Bilfinger, K. (1950), Friede durch Gleichgewicht der Macht, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, S. 27. Er schreibt interessanterweise, die Bedeutung des Gleichgewichts für das Völkerrecht verteidigend: Das Gleichgewicht habe sich behauptet, „allen Kritikern, Leugnern und Spöttern zum trotz“. S. 27. Mosler, H. (1949), Die Großmachtstellung im Völkerrecht, Heidelberg, S. 35, ist noch deutlicher: „Solange es rechtlich koordinierte, aber in ihren Machtmitteln unterschiedliche Glieder der Staatengemeinschaft gibt, ist der Ausgleich ihrer Kräfte die beste Grundlage für ein Funktionieren der Völkerrechtsordnung.“

31 Vgl. beispielsweise stellvertretend für mehrere Autoren: Reiter, H. (Anm. 25, S. 101 – 105). Er disqualifiziert sogar das „Prinzip“ des europäischen Gleichgewichts“ als lächerlich und bedeutungslos angesichts des nach dem Zweiten Weltkrieges entstandenen „Staatenkolosses“, der dabei war, den Westen zu überrollen. Kaplan, M. A. und Katzenbach, N. B. (1965), Modernes Völkerrecht, Form der Außenpolitik, Berlin, S. 48, sehen den Zusammenbruch des bisherigen Gleichgewichtssystems und den Übergang zu einem „lokalen bipolaren System“. Eine erfolgreiche Durchsetzung der Gleichgewichtspolitik bezweifelt Reynolds, P. A. (1971). An Introduction to International Relations, Cambridge, p. 200. Schwarzenberger, G. (Anm. 28, S. 116), kann dem Gleichgewichtssystem nur einen begrenzten Wert zubilligen: Man könne „höchstens sagen, dass die Gleichgewichtspolitik vorhandene Expansionsbestrebungen einigermaßen begrenzt.“ Bereits Anfang des 19 Jh. wollte Klüber, L. (1821), Europäisches Gleichgewicht, Stuttgart, S. 83, das Gleichgewicht in „die Rumpelkammer völkerrechtlicher Begriffe werfen“. Viel später ist vorgeschlagen worden, statt des traditionellen Gleichgewichts die friedliche Koexistenz anzuwenden. Vgl. Friedman, W. (1964), The Changing Structure of International Law, New York, p. 15. Eigentlich schließt das eine das andere nicht aus, wie die Realität in den internationalen Beziehungen gezeigt hat.

32 Vgl. sehr zutreffend Kaplan, M. A. und Katzenbach, N. B. (ibid., S. 42/43). Sie erheben sogar den staatlichen Selbstschutz zu der wichtigsten Verhaltensregel jeder Nation.

Gleichgewicht der Kräfte beizubehalten.“33

Hier wird die Meinung vertreten, dass dem Gleichgewicht der Kräfte ein äußerst starkes psychologisches Element innewohnt. Erst die subjektive Wahrnehmung und die damit im Zusammenhang stehende gefühlte Bedrohungssituation setzt den Mechanismus der Schaffung von Gegengewichten in Form von Allianzen in Gange. Dies kann auch dann gelten, wenn der übermächtig gewordene Staat beteuert, er habe keine Absicht, andere Staaten zu überfallen. Zumindest zum traditionellen Gleichgewichtsverständnis gehört auch das berüchtigte „Zünglein an der Wage“.
Sein Wesen besteht im folgenden: Eine Großmacht kann durch den Beitritt zu einer Staatengruppe ein gestörtes Gleichgewicht wieder herstellen oder aber die Störung eines bereits existierenden Gleichgewichts verhindern.34

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33 Kissinger, H. (1978), Moral und pragmatische Politik, in: Evangelische Kommentare, Nr. 7, S. 394 Vorlesungen, gehalten an der New York University am 19.9.1978). Es wäre allerdings übertrieben, die gesamte moderne Staatengeschichte mit der Geschichte des Kampfes um die Erhaltung des Gleichgewichts zu identifizieren, wie dies Gaulandt, A. (1975), Friedenssicherung durch Gleichgewichtspolitik, in: Archiv des Völkerrechts, 4/16, S. 367, tut. Ebenso wenig ist das Gleichgewicht ein „klares und notwendiges Organisationsprinzip der internationalen Staatengemeinschaft“, wie Heydte, F. A. behauptet. Vgl. Die politische Ausgangslage eines modernen Völkerrechts, in: Internationales Jahrbuch der Politik, 1956. Schwarzenberger, G. (Anm. 28, S. 116, 117) hingegen ist zu folgen, wenn er die Anwendung der Gleichgewichtspolitik im Sinne einer Strategie der Machtpolitik als verringert sieht. Er begründet seine Auffassung mit dem „Gesetz der Machtkonzentration“.

34 Vgl. hierzu ausführlicher Blühdorn, R. ( Anm. 25, S. 247 ). Die Rolle des „Züngleins an der Waage“ hat in Europa jahrzehntelang England sehr erfolgreich im eigenen Interesse gespielt. Nach Reiter, H. ( Anm. 25, S. 15/16 ), fordert die „Zünglein“-Politik „hohe Staatskunst und ein wachsames Auge“. Dieses Phänomen könnte unter Umständen in der Perspektive wieder aktuell werden.

Anfänge der Gleichgewichtspolitik im Alten Orient, in Indien und im Antiken Hellas

Als Nicht-Fachhistoriker sind wir auf entsprechende Fachbeiträge der Alt-Historiker angewiesen. Uns geht es ansonsten in erster Linie darum, die Gleichgewichts- und die Gegengewichtspraxis eher politologisch zu analysieren bzw. zu werten. Es kann schon vorab klargestellt werden, dass es in den hier zur Diskussion stehenden Zeiträumen keine systematische Konzeption über das Gleichgewicht gab. Die Anwendung des Gleichgewichts und der Gegengewichte war vielmehr eine Notwendigkeit äußerst temporären Charakters. Es ist wohl berechtigt, anzunehmen, dass es den Akteuren nicht bewusst war, dass irgendein Gleichgewichtsgedanke realisiert wurde. Es handelt sich ohnehin im die Anfänge der Praxis von Gleichgewicht und Gegengewichten.

Die Staaten am Tigris und Euphrat betrieben bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. eine elementare Gleichgewichtspraxis. Sie wurde durch die Großmachtspolitik des Hammurabi beendet.35 Es entstand ein geeintes babylonisches Großreich. Im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. herrschte zeitweilig zwischen den damaligen Großmächten Ägypten, dem Hethiterreich, Babylonien und Assyrien, einigermaßen ein Gleichgewicht. In den Beziehungen zwischen Ägypten und dem Hethiterreich galt nach der unentschiedenen Schlacht bei Karkemisch der Friedensvertrag zwischen Hattushilis III. und Ramses II. von 1269.36 Der Großmacht Assyrien ist es jedoch gelungen, das bestehende fragile Gleichgewicht ziemlich gewaltsam zu beenden.

Im Alten Indien, speziell in den Manu-Gesetzen („Kautilyas Arthasastra“) gab es sogar im Ansatz Überlegungen über das, was man Jahrhunderte später als Gleichgewicht bezeichnet hat: „Derjenige, der schwächer ist als ein anderer, wird mit ihm Frieden schließen; wer in der Macht überwiegt, wird Kriege führen; mein Lehrer sagt, dass wenn beliebige zwei Königreiche, die feindselig sind und sich in stabilem Zustand befinden, planen, gleichen Reichtum zu erlangen und Macht in gleicher Zeit, so müssen sie miteinander Frieden

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35 Vgl. Jentsch, G. (1940), Das Ende des europäischen Gleichgewichts, Berlin, S. 10.

36 Vgl. Stichwort „Hethiter“, in: Lexikon der Alten Welt (2001), (hrsg. von C. Andresen et alt.), Band 2, Tübingen/Zürich, S. 1290.

schließen.“37 In Theorie und Praxis des alten Indien haben die Fach-Historiker sogar eine Lehre von der natürlichen Feindschaft mit dem unmittelbaren Nachbarn und von dem naturgegebenen Bündnis mit dem hinter diesem liegenden Staat fesgestellt.38

Im Unterschied zu dem Alten Orient lagen in der antiken/griechischen Vielstaaten-Welt ideale Bedingungen für die Anwendung des Gleichgewichts-Gedankens,39 der zuerst in der Innenpolitik entstand. Der Historiker Polybios schreibt z. B. über den sagenhaften Gesetzgeber Spartas Lykourgos (Lykurg): Er habe die verschiedenen Regierungsformen in seiner Verfassung vereint, „damit kein Teil über Gebühr mächtig werden kann und dadurch entartet, sondern die Machtfaktoren so gegeneinander ausgewogen sind, dass keiner ein Übergewicht erhält und den Ausschlag gibt, dass sie vielmehr im Gleichgewicht bleiben wie auf einer Waage und die widerstreitenden Kräfte sich gegenseitig aufheben und der

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37 Aus: Kautilyas Arthasastra, Mysore 1967, pp. 295 – 296. Zitiert nach: Lukashuk, I. I. (1980), Elementare Normen der Beziehrungen zwischen den sozialistischen und den kapitalistischen Staaten, in: Westnik-Kiewskowo Universitjeta, Nr. 10, S. 19 (in Russisch). Spezieller zu dem Lehrbuch der Regierungs- und Verwaltungskunst vgl. ausführlich Weisheit des alten Indien 1987, Band 1, Texte, (Hrsg. J. Mehlig), Leipzig/Weimar, S. 491 und Mylius, K. (1983), Geschichte der Literatur im alten Indien, Leipzig, S. 285 ff.

38 Vgl. Preiser, W. (1976), Frühe völkerrechtliche Ordnungen der außereuropäischen Welt, Wiesbaden, S. 232 (Anm. 363). Unter dem Kaiser Aschoka (268 – 232) aus der Dynastie der Maurya wurde jedoch die Gleichgewichtspolitik größtenteils aufgegeben, denn echte Großmächte sind auf eine solche Politik nicht angewiesen.

39 Dies ist bereits in der älteren Völkerrechtsliteratur erkannt worden. Vgl. stellvertretend für mehrere Autoren: Frantz, C. (1859), Untersuchungen über das Europäische Gleichgewicht, Berlin, S. 4; Heffter-Geffcken, W. (1855), Europäisches Völkerrecht, S. 4. Es wird die Existenz des Gleichgewichts in der Antike bejaht. Unter Berufung auf Xenophon und Polybios meint Bonfils, H. (1904) Lehrbuch für Studium und Praxis, Berlin, S. 129, dass sogar der Begriff Gleichgewicht den alten Griechen in ihrer eigenen Sprache bekannt war.

Verfassungszustand dadurch lange erhalten bleibt.“40 Die Gleichgewichtspolitik in den Beziehungen zwischen den zahlreichen griechischen Stadtstaaten stand in enger Verbindung mit dem politisch-militärischen Kampf zwischen den Kontrahenten Athen und Sparta. Diese ständige Konkurrenzsituation führte zu Symmachien ( Συμμαχία ), d. h. zu Bündnissen, um einigermaßen das Gleichgewicht zu wahren. In diesem Zusammenhang war sogar der Begriff Gegengewicht im Gebrauch. So sagte z. B. der größte Rhetor der Antike Demosthenes über die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Sparta und Theben, „dass es nützlich sei, dass weder die Thebaner noch die Spartaner die Oberhand gewännen, sondern dass jenen die Phoker, diesen ein anderer als Gegengewicht diene“.41
Die Symmachien dienten zunächst auch dem Schutz kleinerer Stadtstaaten. Sie entwickelten sich jedoch allmählich zu einem Machtinstrument des wichtigsten Bundesgenossen, der schließlich wie ein Hegemon auftrat. Genau diese Schicksal hatten die kleineren Stadtstaaten im Rahmen des von Athen geführten „Attischen Seebundes“,42 der von dem Hegemon sogar auf ökonomischen Gebiet schamlos ausgenutzt wurde. Mit seinen Geldern wurde nämlich der Parthenon auf der Akropolis gebaut.

Die alten Griechen ließen sich stets nicht von hochmoralischen Worten, sondern eiskalt von handfesten Machtinteressen leiten. Dies mutet ziemlich modern an. So belehrten die Athener ihre Verbündeten Melier über ihre Verpflichtungen: „Wer einen anderen im Kriege zu Hilfe kommen soll, verlässt sich aber nicht auf Gesinnungen, die dieser ihm entgegenbringt, sondern auf die wirklichen Machtmittel, die er in die Waagschale werden kann“.43 Im allgemeinen kann die Zeit

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40 Zitiert nach Zippelius, R. (1971), Geschichte der Staatsideen, München, S. 37. In diesem Zitat kommt die eigentliche Funktion und Bedeutung der Gleichgewichts-Idee zum Ausdruck.

41 Zitiert nach Vietsch, E. (1942), Das europäische Gleichgewicht, Politische Ideen und staatsmännisches Handeln, Leipzig, S. 40/41. Der schlaue Demosthenes meinte ferner, dass es für Athen vorteilhafter wäre, wenn beide Kontrahenten, Sparta und Theben, schwach blieben.

42 Vgl. Stichwort „Symmachie“, in: Lexikon der Alten Welt (hrsg. von Andresen, C. et alt.), Band 3, Tübingen/Zürich, S. 2958. Ein ähnliches Schicksal erfuhr ebenso der von Sparta geführte „Peloponnesische Bund“. Eine Symmachie enthielt vor allem den „Bündnisfall“, die Pflicht, dem angegriffenen Bündnispartner militärischen Beistand zu leisten.

43 Thukydides, Geschichte des peloponesischen Krieges (Original: Ιστορία τού πελοποννησιακού πολέμου), Zürich/Stuttgart, 1960, S. 454.

zwischen 280 – 200 v. Chr. als Gleichgewichtsepoche bezeichnet werden. Unter den Diadochen und Epigonen Alexander des Großen wurde in militärischer Hinsicht eine relativ entwickelte Gleichgewichtsstrategie praktiziert, bei der die Gegengewichte eine entscheidende Rolle spielten. Ptolemäer ( Ägypten), Seleukiden ( Vorderer Orient) und Antigoniden ( Makedonien ) kämpfen gegeneinander in wechselnden Bündniskoalitionen. Zu diesen starken Monarchien kamen noch die mittleren und kleineren Mächte wie die Attaliden ( Pergamon ), die Aitoler, Achäer, Rhodos, Sparta und Athen hinzu.
Die Gleichgewichtssituation bestand aber vorwiegend in der Schaffung kombinierter Gegengewichte gegen das typische Übergewicht der Ptolemäer in Ägypten. Schließlich wurde das hellenistische Gleichgewicht durch die starke Expansionspolitik des Seleukiden Antiochos III. zerstört. Die Römer haben dies sofort genutzt, um auch im östlichen Mittelmeerraum die absolute Führung zu übernehmen.44

Insgesamt könnte die Gleichgewichtslage oder zutreffender das Kräfteverhältnis im Alten Orient und im alten Hellas sowie in der Zeit des Hellenismus wie folgt gewertet werden: 400 – 350 v. Chr. unipolar ( Persien ); um 340 v. Chr. bipolar ( Mazedonien/Persien ); 330 v. Chr. hegemonial ( Mazedonien ); 320 – 200 v. Chr. multipolar ( Diadochen, Epigonen) ; 190 – 80 v. Chr. unipolar ( Rom ); 70 v. Chr. – 380 hegemonial ( Rom ).45

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44 Vgl. Klose, P. (1972), Die völkerrechtliche Ordnung der hellenistischen Staatenwelt in der Zeit von 280 bis 168 v. Chr., München, S. 33, 91. Speziell das kleine Rhodos schloss sich der Koalition des Antigonos Gonatas ( Makedonien ) und des Antiochos II ( Orient ) an, um zu verhindern, dass Ägypten übermächtig wird.

45 Nach Kaufmann, S. J./Little, R./Wohlfarth, W. C. (Ed., 2007), The Balance of Power in World History, Basingstoke/New York, p. 268.

Das Gleichgewicht und die Gegengewichte in Europa (Theorie und Praxis (Allgemeine Aspekte))

Nach dem Zusammenbruch der mittelalterlichen „Respublica Christiana“ und der mit ihr im Zusammenhang stehenden überholten Weltanschauung entstand ein Vakuum, das durch einen neuen Ordnungsfaktor und das tragende Prinzip der neuen Rechtsordnung, durch das Gleichgewicht ausgefüllt wurde.46 Die zahlreichen neu entstandenen Staaten ließen sich von ihrem Selbsterhaltungstrieb leiten und bildeten Schutz-Bündnisse gegen drohende Projekte der Universal-Monarchie. Das Gleichgewicht, insbesondere die notwendigen Gegengewichte waren für die mittleren und kleinen Staaten eine „Schutzformel“ gegen übermächtig gewordene Staaten.
Die Universal-Monarchie drohte von Seiten des Kaisers Karl V., des Königs Philipp II. von Spanien, von Ludwig XIV., von Frankreich seitens Napoleon I. und seitens der russischen Oberherrschaft in Südost-Europa.47

Im allgemeinen werden die folgenden Perioden der Gleichgewichtspolitik in Europa erwähnt:
Erste Periode (1551 – 1648 bzw. 1659). Es ging im wesentlichen um das Konkurrenzverhältnis zwischen Frankreich und Spanien/Österreich mit England als „Zünglein an der Waage“. England hat sich jedoch auf die französische Seite geneigt, da die spanisch-österreichische Macht als ständige Bedrohung betrachtet wurde. Zweite Periode (17 – 18 Jh.). Im Mittelpunkt stand der Konkurrenzkampf zwischen Frankreich und Österreich weiterhin mit England als „Zünglein an der Waage“. Inzwischen tauchte am europäischen Horizont die neue Großmacht Russland auf.
Dritte Periode (18. Jh.): England/Preußen gegen Frankreich/Österreich. Die vierte Periode beginnt nach der Niederschlagung Napoleons48 und

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46 Vgl. Wagner, F. (1947), England und das europäische Gleichgewicht, 1500 – 1914, München, S. 8 (das Gleichgewicht wurde zum Leitstern der neuen Ordnung in Europa); Hagemann, M. (1948/49), Rechtssoziologische Probleme der Friedenssicherung durch internationale Organisationen, in: Archiv des Völkerrechts, 3/1, S. 303/304 (das Gleichgewicht als Lückenbüßer, als neuer Ordnungsfaktor).

47 Vgl. Bluntschli, J. C. (1868), Das moderne Völkerrecht der zivilisierten Staaten als Rechtsbuch dargestellt, Nördlingen, S. 97/98; Frantz, C. (Anm. 38, S. 1); Morgenthau, H. (Anm. 19, S. 164).

48 Vgl. Besonders ausführlich Meisner, H. D. (1919). Vom europäischen Gleichgewicht, in: Preussische Jahrbücher, II/176, Berlin, S. 225 ff.

dem Wiener Kongress von 1814, das eine weiterentwickelte Gleichgewichtskonzeption entwickelte.49
Die fünfte Periode dauerte von 1914 – 1945. In dieser Periode wurde allerdings nicht die übliche Gleichgewichtspolitik angewandt.
Nach 1945 ging der Gleichgewichtsgedanke über Europa hinaus und es entstand das bipolare Gleichgewicht zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion.
In den vergangenen Jahrhunderten und speziell nach dem Westfälischen Frieden (1648) hat die geschaffene Gleichgewichtsordnung 150 Jahre und nach dem Wiener Kongress (1814) 100 Jahre gedauert.50

Allein diese Fakten zeigen deutlich, dass das Gleichgewicht in der europäischen Geschichte eine große und entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Hauptzielstellung war, als regulatives Ordnungsprinzip von hoher Flexibilität und Anpassungskraft das Übermächtigwerden einzelner Staaten verhindern bzw. zu verbieten, um den europäischen Frieden zu gewährleisten.51 Insgesamt kann das europäische Gleichgewichts-Modell eingeschätzt werden

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49 Die Neukonzipierung des Gleichgewichtsgedankens erfolgte in erster Linie durch die führenden Diplomaten des beginnenden 19. Jh. Metternich (Österreich) und Talleyrand (Frankreich).

50 Vgl. insbesondere Kissinger, H. (1996), Die Vernunft der Nationen, Über das Wesen der Außenpolitik (Aus dem Englischen), München, S. 895. Er gilt als einer der besten Kenner der Gleichgewichtsproblematik. Er war der erste, der nach dem Zweiten Weltkrieg diese Problematik salonfähig gemacht hat. Jahrzehntelang war dieses Thema in Vergessenheit geraten.

51 Vgl. Aron, R. (1964), Einführung in die Atomstrategie, Die atlantische Kontroverse (Original: “Le Grand Debat“), Köln/Berlin, 210. Er betrachtet das Gleichgewichtssystem als wichtige Voraussetzung der diplomatischen Dienste. Vgl. ferner Schwarzkopf, D. (Anm. 20, S. 95). Nach seiner Meinung habe das Gleichgewicht nicht das Ziel, die gleiche Macht für alle europäischen Staaten zu ermöglichen.. Vgl. außerdem Grewe, W. (1970), Spiel der Kräfte in der Weltpolitik, Theorie und Praxis der internationalen Beziehungen, Wien, S. 374. Nach seiner Auffassung setzte das Gleichgewicht dem Machtmissbrauch und exzessiver Expansion Grenzen und garantierte die Existenz der Staaten. Herz, J (1951/1953), Macht, Machtgleichgewicht, Machtorganisation im Atomzeitalter, in: Die Friedenswarte, Band 51, S. 60 sieht als wichtigste Leistung des europäischen Gleichgewichts in der „Aufrechterhaltung eines Systems der Vielheit unabhängiger Staaten“ durch die Verhinderung eines übermächtigen Staates.

als Zielvorgabe, Legitimationsmuster, „both as an explanation and as a guide of foreign policy“.52

Am besten hat der Preussen-König Friedrich II., das europäische Gleichgewicht eingefangen und formuliert: „Wenn die übermäßige Größe einer Macht bereit scheint, aus den Ufern zu treten und die Welt zu verschlingen droht, erfordert es die Klugheit, ihr Dämme entgegen zu bauen und den Lauf des Stromes zu hemmen, solange man ihn noch bemeistern kann. Man sieht Wolken, die sich auftürmen, ein Gewitter, das sich zusammenzieht, die Blitze, welche es verkünden, und ein Herrscher, den diese Gefahr bedroht, wird sich, da er den Sturm nicht alleine beschwören kann, wenn er anders weise ist, mit denen vereinen, welche die gleiche Gefahr in gleiche Lage versetzt.“53
Der diplomatische „Fuchs“ Talleyrand hat natürlich im Interesse des total besiegten Frankreich, und zwar mit größtem Erfolg auf dem Wiener Kongress, ein eigenes, äußerst intelligentes Gleichgewichtsverständnis zum Ausdruck gebracht: „Das Minimum der Verteidigungskraft der Kleinsten“ sollte eigentlich „dem Maximum der Angriffskraft der Größten“ entsprechen. Dies wäre nach ihm „ein wirkliches Gleichgewicht“. Aber die Gesamtlage in Europa lasse dies nicht zu.54 Letzten

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52 So Paul, T. V. /Wirtz, J. J./Fortmann, M. (Anm. 20, Conclusions), p. 366. Bachmann, A. (2007), Politik zwischen Hegemonie und Gleichgewicht: die Geschichte der internationalen Beziehungen, Saarbrücken, S. 6, betrachtet das Gleichgewicht außerdem als Ergebnis außenpolitischer Entscheidungen und in gewisser Hinsicht als Widerspiegelung in der Theorie der internationalen Beziehungen, weil sich der Gleichgewichtsgedanke in Europa in verschiedenen Modellen findet.

53 Friedrich II. (1832), Ermahnung, Italien von den Ausländern zu befreien, in: Der Fürst des Niccolo Macchiavelli in Verbindung mit Friedrich des Zweiten Antimacchiavell, 26. Kapitel, Leipzig, S. 134. Weiter schreibt er: „Wenn die Könige Egyptens, Syriens und Macedoniens sich gegen die römische Macht verbündet hätten, so hätten diese nie jene Reiche umstürzen können.“ Der Preußen-König beachtet leider nicht die historische Wahrheit, dass in der letzten Periode der Herrschaft der Diadochen und Epigonen zwei Grundsätze uneingeschränkt galten: Bei den degenerierten Griechen das „Bellum omnium contra Omnes“ und bei den dynamischen und klugen Römer das „Divide et impera“.

54 Talleyrand (1891 – 1893), Memoiren des Fürsten Talleyrand, Köln/Leipzig, S. 207/208.

Endes hat es so vieles erreicht, als wäre Frankreich der militärische Sieger gewesen. Die haushohe kulturelle und diplomatische Überlegenheit gegenüber den Siegermächten war offenkundig gewaltig.

Die Gleichgewichtsproblematik stieß ebenso auf das wissenschaftliche Interesse von führenden Philosophen, die immer wieder mit Erfolg versuchten, in das Wesen dieses Phänomens einzudringen, d. h. es theoretisch auszuloten.
Aus der großen Anzahl unter ihnen seien nur zwei genannt. Bereits an der Schwelle vom 16. zum 17. Jh. empfahl Bacon (1561 – 1626), bekannt als Baco von Verulam den Regierenden, genau acht darauf zu geben, dass keiner ihrer Nachbarn so übermächtig wird, dass er den Handel an sich reißen und außerdem sogar ihr Staatsgebiet gefährden könnte. Um dies zu verhindern, sollten sie dafür sorgen, dass das Gleichgewicht nach der kleinsten Störung immer wieder hergestellt wird. Erreichbar sei dies durch ein Bündnis mit anderen Staaten oder sogar durch einen Krieg.55

Eine prägnante und sehr realistische Einschätzung des europäischen Gleichgewichts gab der Philosoph Fichte ab. Dabei geht es nicht nur um die objektive, sondern auch um die subjektive Komponente der Problemstellung: Der Schwache bleibt ruhig. Sobald er aber glaubt, stark geworden zu sein, geht er dazu über, seine Nachbarn zu stören. Es geschieht jedoch nichts weiter, wenn er allmählich merkt, dass die anderen Staaten imstande sind, erfolgreichen Widerstand zu leisten. Fichte unterstreicht mit Nachdruck das Begriffspaar Gleichgewicht-Gegengewichte.56
Eine regelrechte Überbewertung erfuhr das Gleichgewicht durch den Staatsphilosophen Christian Wolff: Eine Bedrohung des Gleichgewichts sei eine große Bedrohung der Freiheit der Völker.57

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55 Als Beispiel nennt Bacon das „Triumvirat“ der Könige von England, Frankreich und des Kaisers Karl V. Während ihrer Zeit „wurde eine so strenge Wacht gehalten, dass keiner der drei auch nur eine Handbreit Landes sich aneignen konnte“. Bacon, Essays, in: Fitzek, A. (1962), Staats-Anschauungen im Wandel der Jahrhunderte, Quellen zur Geschichte des Staatsgedankens, Band I, Paderborn, S. 28.

56 Betont spricht er sogar vom „berüchtigten Lehrgebäude eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts“ durch die europäischen Akteure. Vor dem Entstehen mehrerer europäischer Staaten sei das Gleichgewicht nicht als nötig gesehen. Nunmehr habe es eine Ordnungsfunktion. Vgl. Fichte, Johann, Gottlieb (1845), Sämtliche Werke (hrsg. von I. Herrmann), Berlin, S. 462, 464, 469/470.

57 Vgl. Christian Wolff (1764), Jus gentium methodo scientifica petractum, § 646, Anm. § 650, Ausgabe 1764, in: Fenske, H. (Anm. 11), S. 273/274.

Obwohl die Gleichgewichtspolitik eine absolute Notwendigkeit in Europa war, wollte nicht jeder Wissenschaftler dies einsehen. Es gab und gibt noch, bezogen auf die vergangenen Jahrhunderte, auch große Gegner des Gleichgewichts. Der bekannteste unter ihnen war Johann Heinrich G. Justi, der in seiner berühmtberüchtigten Schrift „Die Chimäre des Gleichgewichts, der Handlung und Schifffahrt“ (Altona 1758) einen regelrechten Feldzug gegen Idee und Praxis des Gleichgewichts führte. Hierdurch erlangte er Profil und Ruhm. Noch bis heute berufen sich alle Gegner der Gleichgewichtsidee auf ihn. Justi betrachtet das Gleichgewicht als die Ursache allen Übels in Europa.
In Form eines Pamphlets schreibt er: „Das Lehrgebäude des Gleichgewichts unter den freien Mächten hat genug Blutvergießen, Elend und Unglück in Europa angerichtet. Dieses habe Millionen von Menschen auf die „Schlachtbank“ geliefert oder in Armut und Dürftigkeit getrieben. Deswegen sei der Gleichgewichtsgedanke eine „Ausgeburt der Ungerechtigkeiten.“
Der große Philosoph Immanuel Kant wiederum bezeichnet die Gleichgewichtsidee als ein „Hirngespinst“.58 Ebenso in einigen neuesten Publikationen wird der Wert des Gleichgewichts stark in Zweifel gezogen, denn letzten Endes hätten sich in der Geschichte die stärkeren Staaten als Hegenom durchgesetzt (z. B. Assyrien, Babylonien, Persien, Mauriya-Reich in Indien, Azteken und Inkas und China sogar 600 Jahre lang).59

Für eine völkerrechtssoziologisch ausgerichtete Studie dürfte das Gleichgewichts-„Lehrgebäude“ der damaligen sowie der späteren Völkerrechtswissenschaftler von Interesse sein.
Im völkerrechtlichen Schrifttum des 18., 19. und teilweise auch des 20. Jh. wird die Gleichgewichtsproblematik auf einige Merkmale konzentriert:
Das Gleichgewicht sei ein Völkerrechtsprinzip,60 das Selbsterhaltungsrecht, vor allem der schwächeren Staaten, führt

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58 Kant, Immanuel (1793), Kants Werke (hrsg. von W. Cruyter et alt.), III, Vom Verhältnis der Theorie zur Praxis im Völkerrecht, Berlin, S. 312. Kant betrachtet die Auseinandersetzungen zwischen den Staaten als eine unliebsame Tatsache. Das Gleichgewicht könne aber zur Friedenserhaltung nicht beitragen.

59 Vgl. beispielsweise Kaufmann, S. J./Little, R., Wohlforth, W. C. (2007), The Balance of Power in World History, Basingstoke/New York, p. 230. Etzioni, Amitai (1971), Strategic models for a de-polarizing World, in: Coplin, D. et alt., A Multi-Method Introduction to International Politics Observation, Chicago, p. 282.

60 So beispielsweise Bonfils, H. (1904), Lehrbuch des Völkerrechts für Studium und Praxis, Berlin, S. 131. Er stellt klar, dass das Gleichgewicht keine Rechtsregel, sondern eher ein Rechtsprinzip (des Völkerrechts) sei. Auf alle Fälle hätte es nach seiner Meinung ein juristischen Charakter.

zwangsläufig zur Reaktion auf einen stärker werdenden Staat durch die Schaffung von Gegengewichten;61 die wachsende Kraft eines Staates wird von den Nachbarnstaaten als Bedrohung ihrer Unabhängigkeit und sogar der Existenz aufgefasst;62 nur selten wird das Recht der bedrohten Staaten bejaht, schon im Falle einer drohenden Übermacht einzuschreiten.63
Gegen eine solche Auffassung hat sich einer der Väter der Völkerrechtswissenschaft, Hugo Grotius, in seinem berühmten Werk „De juri belli ac paci, Liber secundus, Caput I) gewandt, mit der Begründung, dass ein Einschreiten dieser Art kein „justum bellum“ sei.

In der Völkerrechtsliteratur ist eine tiefergehende Einschätzung des früheren Gleichgewichts festzustellen. Es wird eher auf die jeweilige überlegene Hegemonialmacht hingewiesen, die den anderen Staaten ihren Willen aufzwingen wollten.64 Nach diesen neueren Einschätzungen besaß das Europäische Gleichgewicht einige Merkmale: Homogenität auf der Grundlage gemeinsamer Kultur, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung; besiegte Staaten wurden nicht vernichtet, sondern sie wurden in das Gleichgewichtssystem integriert; es gab mitunter rasche Allianzwechsel; es ging in erster Linie um die Verhinderung der Hegemonie des stärksten Staates.65

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61 Genannt seien beispielsweise die folgenden Autoren: Bonfils, H. (ibid.). Er betrachtet das Gleichgewicht sogar als eine Äußerung des Grundsatzes des Selbsterhaltungsrechts), Redslob, R. (1977), Das Problem des Völkerrechts, Leipzig, S. 150: Die vereinte Gegenwehr bedrohter Staaten entspreche als natürliche Reaktion dem „Trieb der Selbsterhaltung“); Heffter, A. W. (1855), Das Europäische Völkerrecht der Gegenwart, S. 7.

62 Beispielsweise: Redslob, H. (ibid.); Günther, K. G. (1787), Völkerrecht, Band 1, S. 326; Frantz, C. (Anm. 39, S. 5): Vereint euch gegen die drohende Übermacht. Man soll sogar ein „erdrückendes Übergewicht im Voraus verhindern“, S. 18/19; Bluntschli, J.C. (Anm. 47, S. 97): Die Überlegenheit eines Staates ist so groß, dass schwächere Staaten gefährdet werden. Resch, P. (1885), Das Europäische Völkerrecht der Gegenwart, Graz/Leipzig: Bedrohung und Gefährdung der Integrität der Aktionsfähigkeit und der Interessen anderer Staaten.

63 Beispielsweise seien genannt: Heffter, A. W./Geffken, H. (Anm. 30, S. 13); Resch, P. (ibid, S. 50)

64 So beispielsweise: Neuhold, H. (1983), Abgrenzungen, Strukturmerkmale und Besonderheiten der Völkerrechtsordnung, in: Österreichisches Handbuch des Völkerrechts, Band 1, Wien, S. 5. Es gab zwar formell gleichberechtigte Staaten, manche Großmacht hatte jedoch Hegemonialgebarren; Sauer, W. (1952), System des Völkerrechts, Bonn. Nach ihm schlossen sich die kleineren Mächte zu Gruppen zusammen, um ein Gegengewicht zu einer Hegemonialmacht zu schaffen. Sie beriefen sich dabei auf das Gleichgewicht.

65 Vgl. Neuhold, H./Schreuer, C. (1983), in: Österreichisches Handbuch des Völkerrechts, ibid.), S. 13. Das „Klassische Völkerrecht war nach ihrer Meinung „Spiegelbild“ des Europäischen Gleichgewichts.

Die europäische Gleichgewichtspolitik vom 14. bis zum 16. Jh.

Die Gleichgewichtspolitik gilt in der europäischen Geschichte als eine Erfindung Italiens, weil gerade in diesem Lande die hierfür erforderlichen Voraussetzungen vorlagen: In Italien existierten mehrere in erster Linie Stadtstaaten. Einige umfassten weitere Städte. Man verglich mitunter diese Stadtstaaten mit der griechischen Stadtstaatenwelt, z. B. Florenz mit Athen.66
Venedig war der wichtigste Stadtstaat, der bereits im 15. Jh. ständige diplomatische Missionen eingerichtet hatte. Mailand besaß ebenfalls große Bedeutung für die internationale Politik jener Zeit. Das Herzogtum Mailand konnte sogar seinen Herrschaftsbereich auch auf die Seemacht Genua ausdehnen. Erwähnenswerte Staaten waren ebenso Florenz und Neapel. Speziell Florenz richtete seine gesamte Außenpolitik auf die Erhaltung des Friedens.

In ihrer Gesamtheit stellten sie einen italienischen „politischen Mikrokosmos“ gegenüber dem „europäischen Makrokosmos“ dar. Es gab ursprünglich vier Stadtstaaten, von denen Venedig 100 Jahre lang sich unaufhaltsam auf Kosten der anderen drei, namentlich Florenz, Mailand und Neapel, vergrößerte. Sie fühlten sich von Venedig stark bedroht. Deswegen führten sie mehrere Kriege gegen Venedig. Florenz und Neapel haben sich schließlich verbündet mit dem Ziel, dass die politischen Verhältnisse Italiens in einem Zustand der Ruhe und des Gleichgewichts bleiben.67 Ihr Hauptziel war eigentlich die Verteidigung ihrer Unabhängigkeit.
Im Grunde schufen die betroffenen kleineren Stadtstaaten ein Gleichgewichtssystem, dem insgesamt Florenz, Mailand und Neapel als Dreibund angehörten.68 Dies war die Geburtsstunde des Gleichgewichtssystems mit Schutzfunktion.

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66 Vgl. Hassinger, E. (1959), Das Werden des Neuzeitlichen Europas 1300 – 1600, Braunschweig, S. 57. Aus der großen Anzahl derartiger Staatsgebilde ragten fünf ,an der Spitze Venedig heraus, regiert von einer Aristokratie.

67 Vgl. Kaeber, E. (1907), Die Idee des europäischen Gleichgewichts in der publizistischen Literatur des 16. bis zur Mitte des 18. Jh., Berlin, S. 12. Sie waren sozusagen Staaten mit Merkmalen des machiavelischen Staatsverständnis, d. h., sie betrachteten sich durchaus als unabhängig.

68 Vgl. Windelband, W. (1922), Die auswärtige Politik der Großmächte in der Neuzeit (1494 – 1919), Stuttgart/Berlin, S. 26 ff. Somit erhielt die politische Geschichte Europas zunächst im italienischen Mikrokosmos eine neue Ordnung in Gestalt einer Gleichgewichtspolitik mit einer eindeutigen Schutzfunktion. Hierzu lagen bereits die wichtigsten Merkmale des Gleichgewichts, wie dieses etwas später voll zu Entfaltung kam, vor.

Hinzu kam noch der Vatikan. Hierdurch galt es, zwischen ihnen das Gleichgewicht zu wahren (2 : 2, der 5. Staat „balancierte“).69 Es ist also kein Zufall, dass das Gleichgewicht im 15. Jh. in Italien „in die Sphäre methodischer Reflexion“ (Theorie) erhoben worden ist.70 Ebenso wenig verwundert es, dass ein Italiener, namentlich der gelehrte Staatsmann Bernardo Rucellai in seinem Werk „ De bello italico Caroli VII. commentarius“ den Begriff des Gleichgewichts begründet und geprägt hat.71 Durch den Einmarsch Frankreichs unter Karl VIII. brach das italienische Staatensystem zusammen. Hierdurch aber drohte Frankreich, übermächtig zu werden.

Die anderen Staaten waren zu schwach, um einzeln gegen den Eroberer Frankreichs vorzugehen. Deswegen schlossen sich durch Vertrag 1495 Österreich, Spanien, der Vatikan, Mailand, Venedig und England zusammen, um ein Gegengewicht zu Frankreich zu bilden.
Somit wurde aus dem italienischen ein europäisches Gleichgewicht. Interessant ist festzuhalten, dass es zwischen der erheblichen Störung des Gleichgewichts und der Schaffung von entsprechenden Gegengewichten einen ursächlichen Zusammenhang gibt. Gerade diese Gegengewichte verhinderten eine französische Hegemonie in Europa.

Inzwischen wuchs eine neue Macht in Europa heran, namentlich das habsburgische Weltreich durch die Vereinigung Österreichs mit der gesamten Niederlande und Spanien (1525). Hinzu kamen ein Jahr später Böhmen und Ungarn. Das war natürlich ein beängstigend gewaltiges Imperium. Die anderen europäischen Staaten reagierten relativ schnell darauf mit der Schaffung des Bündnisses „Heilige Liga von Cognac“, der Frankreich, der Vatikan, Venedig, Florenz, Mailand und England angehörten. Somit nahm das europäische Gleichgewicht allmählich feste Konturen an. Es erfolgte jedoch sukzessive seine Weiterentwicklung.

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69 Vgl. ähnlich auch Meinberg, H. (1869), Das Gleichgewichtssystem Wilhelm III. und die englische Handelspolitik, Dissertation, Göttingen, S. 5.

70 So Redslob (Anm. 61, S. 150). „War die Verbindung gegen den Übermächtigen früher nur ein instinktives Handeln, so wird sie jetzt eine Theorie“.

71 Vgl. Fenske, H. (Anm. 11, S. 961 – 962). In England tauchte dieser Begriff im 16., aber vor allem im 18. Jh. auf. Der Italiener Ruccelai hat außerdem auch die im Text verwendeten Begriffe „politischer Mikrokosmos“ in Italien und „europäischer Makrokosmos“ geprägt.

Während des spanisch-französichen Krieges entwickelten venezianische Staatsmänner den Gedanken, dass es Gebot kluger Staatskunst sei, zwischen den größten Mächten Europas das Gleichgewicht zu gewährleisten. Dies sei Aufgabe dritter Mächte. Wieder ein Italiener, nämlich Giovanni Soranzo, meinte 1558 – der spanisch-französiche Krieg hat fast 100 Jahre gedauert – , dass es für Venedig besser sei, eine regulierende Rolle zu spielen, so dass das Gleichgewicht letzten Endes doch bleibt.72

Die ambivalente Haltung Frankreichs zum Gleichgewicht in Europa im 17. und 18. Jh.

Unter Karl VIII. vollzog sich in Frankreich eine allgemeine Konsolidierung in der Innen- sowie in der Außenpolitik. Dieser Prozess begann dem Wesen nach bereits im 14./15. Jh. mit tiefgehenden sozial-ökonomischen Veränderungen. Es erfolgte systematisch die Annektierung der italienischen Kleinstaaten. Hierdurch fand ein erheblicher Zuwachs territorialen und ökonomischen Charakters statt. Damit erreichte Frankreich den Status der ersten europäischen Großmacht und stellte für die übrigen Staaten eine große Bedrohung dar. Wie bereits oben erwähnt, ist es zur Schaffung von Gegengewichten gekommen, die sich eindeutig gegen Frankreich richteten. Somit war die Haltung des mächtigen Frankreich zu der europäischen Gleichgewichtspolitik sehr negativ, was einleuchtet.
Drei Jahrzehnte später veränderte sich jedoch die politische Landkarte Europas wesentlich. Nunmehr wurde Frankreich in den Hintergrund gedrängt. Durch die stetige Machtzunahme entwickelte sich das Reich des Habsburgers Karl V. zu der wichtigsten Großmacht Europas. Somit schlug die „Waage der Macht“ zu Gunsten der neuen Großmacht aus. Diesmal fühlten sich die anderen europäischen

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72 Vgl. Kaeber, E. (Anm. 67, S. 20 – 22). Im Grunde genommen beruhte der Ursprung des europäischen Gleichgewichts auf dem fast 100jährigen Gegensatz von zwei den damals mächtigsten Staaten auf dem Kontinent. Französische Politiker, wie der Herzog von Rohan, haben schon längst gemerkt, dass Venedig danach strebte, „dass die Waage sich nicht auf die eine Seite neigt“.

Staaten bedroht. Es wurden, wie bereits erwähnt, Gegengewichte in Gestalt der „Heiligen Allianz von Cognac“ geschaffen. Hierdurch wurde Frankreich zum „Förderer“ und „Wahrer“ des europäischen Gleichgewichts.

Der Westfälische Frieden von 1648, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, an dem Frankreich beteiligt war, wurde in Frankreich als großer Sieg der Gleichgewichtspolitik gefeiert. Der Friede von Münster und Osnabrück (Westfälischer Frieden) schwächte erheblich die Habsburger, verdrängte das „Prinzip der physischen Übermacht“ und ermöglichte die Geltung jener Prinzipien „auf denen von nun ab das internationale Leben zu ruhen hatte.“ Sie werden zusammengefasst zu dem sogenannten System des politischen Gleichgewichts. Sein Ziel war der Schutz der Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Staaten vor einem übermächtigen Staat.73 Frankreich hat diese Entwicklung systematisch vorbereitet, vor allem durch eine weitestgehende Verfeinerung der Gleichgewichtspolitik.
Bereits Anfang des 17. Jh. entwarf der französische Staatsminister Herzog von Sully ein gesamteuropäisches Gleichgewicht, das sogar zu einer europäischen „Staatendemokratie“ führen könnte, an deren Spitze natürlich Frankreich stehen sollte. Der Zielstellung nach ging es nach wie vor gegen Habsburg.74 In zwei Flugschriften (von 1615 und 1617) war Frankreich deutlicher: „Die Staatsraison muss alle Mächte zu einer Politik der Gegengewichte veranlassen.“75
Der Krieg aber gegen Spanien, der mit dem Pyrenäenfrieden 1659 endete, sicherte Frankreich schließlich die europäische Hegemonialmachtstellung, die Ausgangspunkt eines erbitterten Kampfes um die Ausgestaltung bzw. Ausnutzung der

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73 Martens, F. (1883), Völkerrecht. Das internationale Recht der zivilisierten Nationen, Band 1, Berlin, S. 29. Vgl. Vertrags-Ploetz (1913), Konferenzen und Verträge, Bielefeld, S. 20 ff. und Wegner, A. (1936), Geschichte des Völkerrechts, Band 1, Stuttgart, S. 175

74 Vgl. ausführlicher: Schmaußens,J. (1741), Einleitung zu der Staatswissenschaft, Leipzig, S. 53; Wegner, A. ibid. S. 173/174. Dies teilte Duc de Sully 1601 im Auftrage Heinrichs IV. sogar in einem Gespräch mit der Königin von England über die Befriedung Europas mit.

75 Zitiert nach Vietsch, E. (Anm. 41, S. 25). Im Grunde genommen machte Frankreich auf breiter Front Stimmung gegen die Habsburger.

Gleichgewichtspolitik wurde.76 Der Herzog von Rohan, der letzte große Hugenottenführer, ein bedeutender Politiker dieser Zeit, schreibt 1638 über die Ziele der französischen Außenpolitik:
„Das oberste Prinzip aller anderen Staaten ist es, die Waage zwischen diesen beiden Monarchien (d. h. Frankreich und Spanien) so im Gleichgewicht zu halten, dass keine von ihnen, sei es durch die Waffen, sei es durch Verhandlungen, jemals einen beträchtlichen Vorsprung erlange. Auf diesem Gleichgewicht beruht allein die Ruhe und Sicherheit aller anderen.“77
Im Jahre 1661, nach dem Tode Mazarins, übernahm Ludwig XIV. die Alleinherrschaft über Frankreich. Unter dem „Sonnenkönig“ erreichte der französische Absolutismus die höchste Machtentfaltung nach innen und außen, die ihren Niederschlag in seiner Maxime: „L’état c’est moi!“ („Der Staat bin ich!“) fand.
Speziell die Annexioskriege führten dazu, dass sich die anderen europäischen Staaten direkt bedroht fühlten. Habsburg und die ehemaligen feindlichen Seemächte Spanien und Holland wurden Verbündete.

So entstand 1701 die „Haager Allianz“ („Große Allianz“).78 Auch dieses wichtige Ereignis ist in der Geschichte des europäischen Gleichgewichts theoretisch systematisch vorbereitet worden. Der österreichische Staatsmann Franz Paul von Lisola verfasste 1667 zwei ergebnisreiche Schriften: „La bouchier d’ etat et de justice“, in dem er den Gleichgewichtsgedanken des Herzogs von Rohan übernahm. Er drehte einfach den Spieß um.
Diesmal sollte es gegen Frankreich gehen. Die zweite Schrift „Considerations politiques au sujet de la guerre presente entre la France et la Hollande“ von 1673 unterstützte Holland und empfahl, sich gegen die „Staatsmaxime, die Staaten Europas in der Weise zu balancieren, dass keine unter ihnen zu solcher Größe gelangt, dass sie den anderen bedrohlich wird.“79

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76 Vgl. Vertrags-Ploetz, (Anm. 73, S. 27 ff.). Dieser Vertrag beendete die spanische Herrschaft der Habsburger in Europa, und Frankreich nahm die Stellung Spaniens ein; Wegner, A. (Anm. 73, S. 12). Es kam sogar zu einer dynastischen Ehe: Ludwig XIV. heiratete die spanische Infantin.

77 Rohan, „De l´intest des Princes et Etats de la Chrestiente“ von 1638. Zitiert nach Jentsch, G. (Anm., S. 12). Diese Schrift war dem Kardinal Richelieu gewidmet. Vgl. ferner Kaeber, E. (Anm. 67, S. 40/41).

78 Vgl. Reiter, H. (Anm. 25, S. 37, 40, 46). Bereits 1668 wurde die „Tripelallianz „ (Holland, England, Schweden) gebildet.

79 Zitiert nach Kaeber E. (Anm. 67, S. 45, 51).

Durch den berühmten „Vertrag von Utrecht“ (Frieden zwischen Spanien und Frankreich) vom 13. Juli 1773 wurde der lange Erbfolgekrieg zwischen beiden Staaten beendet. Einerseits verzichtete der französische König auf den spanischen Thron. Andererseits verzichtete der spanische König auf den französischen Thron. Zugleich wurde die Hegemonialstellung Frankreichs beendet.
Das Gleichgewichtsprinzip wurde dabei zum „justum potentiae equilibrium“, zum „gerechten“ und dem Wesen und der Zielstellung nach zum obersten und leitenden Prinzip des damaligen Völkerrechts erhoben. Im Artikel 2 des Vertrages heißt es: „justo Potentiae Aequilibro (quod optimum et maxime solidum mutuae Amicitiae et duraturae undiquaque Concordiae fundamentum est“.80
Durch den Vertrag von Utrecht entstand in Europa ein modernes Staatensystem auf der Grundlage der Territorialstaatlichkeit. Das Gleichgewicht wurde zugleich zum Strukturprinzip erhoben.81
Danach erfolgte eine Zeit des ständigen Wechsels der Allianzen („renversement des alliances“), wobei aus ehemaligen Feinden Verbündete wurden und umgekehrt. Noch 1718 schloss Frankreich mit Habsburg, England und Holland die „Quadrupelallianz“ mit dem Ziel, die Vereinbarungen von Utrecht zu sichern und zugleich Spanien niederzuhalten. Spanien war nämlich wieder dabei, italienische Territorien zu annektieren. In dem entsprechenden Vertrag tauchte zum ersten mal der Begriff „europäischer Konzert“ als Synonym für das Gleichgewicht auf.82

Inzwischen tauchten zwei neue Großmächte, namentlich Preußen und Russland, auf der europäischen Bühne auf. Englands Macht wuchs derart unaufhaltsam, dass nunmehr Frankreich sich stark bedroht fühlte. Es begann wieder französischerseits eine theoretische Durchdringung der Gleichgewichtsproblematik. So erklärte der französische Gesandte in Petersburg u. a: „Es läge im Interesse der europäischen Nationen, sich zu verbünden, um gegen den englischen „Despotismus“ vorzugehen und Englands Ehrgeiz und Gier unverzüglich zu stoppen.“ Man habe sich jahrzehntelang gegen Frankreich gewandt (!),

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80 Siehe Vertragstext bei Redslob, R. (Anm. 61, S. 148). In dieser Bestimmung wird klargestellt, dass das gerechte Gleichgewicht das beste und sicherste Fundament einer allseitigen und dauerhaften Freundschaft und des Einvernehmens zwischen den europäischen Mächten ist. Vgl. u. a.: Bucher, L. (Anm. 13, S. 334); Nussbaum, A. (1960), Geschichte des Völkerrechts in gedrängter Darstellung, München/Berlin, S. 131. Durch diesen Vertrag erfolgte die Aufteilung der spanischen Besitzungen zwischen Habsburg und Bourbon sowie die Zerstückelung Polens.

81 Vgl. ähnlich auch Menzel, E./Ipsen, K. (1979), Völkerrecht, Ein Studienbuch, München, S. 27.

82 Vgl. Reiter, H. (Anm. 25, S. 62/63).

während England hinterlistig „das Gleichgewicht der Macht zur See gänzlich über den Haufen geworfen hat, ohne welches doch keine Möglichkeit gibt, dass ein Gleichgewicht zu Lande bestehen kann.“83 Offensichtlich träumte Frankreich von einem paneuropäischen Gegengewicht gegen England. Vor allem die Haltung Frankreichs zeigt deutlich, dass das Gleichgewicht instrumentalisiert wurde, um eigene Interessen durchzusetzen. Es ging stets um konkrete Interessenlagen, die in ebenso konkreten politischen Auffassungen und Forderungen ihren Niederschlag fanden. Hinter dem Gleichgewicht bestimmten rasant erfolgte Interessenlagen die Mächtepositionen. Somit war auch das Gleichgewicht ein zwiespältiges und sich ständig veränderndes Phänomen. Es hatte im XVII. sowie XVIII. Jh. sowohl Vorzüge als auch Mängel aufzuweisen. Deshalb ist die von Friedrich Martens getroffene Einschätzung übertrieben negativ und somit einseitig. Er schreibt u. a.: Die Gleichgewichtsidee sei „zur Beschönigung aller möglichen Vergewaltigungen und Beraubungen, jeder Rechtsverletzung und ungerechtfertigten Anmaßungen seitens der Monarchen und ihrer Berater missbraucht“. Eroberungskriege seien durch die Notwendigkeit, eine Gleichgewichtsstörung zu verhindern, geführt.84

Eine genau diametrale entgegengesetzte Einschätzung trifft Henry Kissinger, der nur die Erfolge des Gleichgewichts im 18. Jh. sieht: Dieses habe „fein funktioniert.“
Durch die Französische Revolution 1789 sei jedoch durch die andersartige ideologisch-politische Ausrichtung derart eine neue Situation entstanden, dass das Gleichgewicht seine „Flexibilität“ verlor. Es konnte den Nachbarn Frankreichs keine Schutz mehr bieten.85

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83 Text der Erklärung bei Justi, J. H. (1759). Die Chimäre des Gleichgewichts, der Handlung und der Schifffahrt, Altona, S. 5. Offenkundig fing Frankreich auch an, Neidgefühle gegenüber der dynamischen Seemacht England zu entwickeln.

84 Martens, F. (Anm. 73, S. 125). Weiter schreibt er: „Das System des Gleichgewichts der Staaten beruht vielmehr auf einer politischen Idee, die einen vortrefflichen Prätext zu allen erdenklichen Annexionen und ungerechten Überfällen darbietet.“

85 Kissinger, H. (1972), Großmacht-Diplomatie, Von der Staatskunst Castbereaghs und Metternichs (Insbesondere Abschnitt IV: Metternich und die Definition des politischen Gleichgewichts), S. 2. Er meint offensichtlich den Fakt, dass Frankreich der erste bürgerliche Staat, von Feudalmächten umgeben war. Die bürgerliche Revolution hatte natürlich Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen des ausgehenden 18. Jhrts. Düsseldorf/Wien.


Die besondere Rolle Englands als „Zünglein an der Waage“ des europäischen Gleichgewichts (16. – 18. Jh.)

Die englische Politik des Gleichgewichts stellt sich bei der Gesamtbetrachtung dieser Fragestellung als eine der hervorstechendsten Verwirklichungen diese Gedankens im europäischen politischen Geschehen dar. Die wechselvolle Geschichte Englands zeigt die Politik des Gleichgewichts, die Politik des „Züngleins an der Waage“, als eine historische Notwendigkeit, als ein Erfordernis ihrer Zeit und der englischen Machtinteressen.

England stand am Beginn einer neuen geschichtlichen Umwälzung, in deren Frühzeit das Meer immer neuen Eroberern zur Brücke diente. Es blieb jedoch jahrhundertelang der Heimat seiner neuen, französisch gebildeten „Herrenschicht“ verhaftet, immer wieder an festländischen Kriegen beteiligt, über weite Teile Frankreichs gebietend, bald zurückgeschlagen, bald siegreich, bis schließlich im Jahre 1558 mit Calais der letzte Festlandsposten verloren ging.86
Und so stand England im 16. Jahrhundert im Zeichen eines Neuaufbaus und einer Neuordnung. Die vorausgegangene Zeit des hundertjährigen Krieges mit Frankreich und der inneren Kämpfe zwischen den beiden Parteien der „weißen“ und der „roten Rose“ hatte das Land in große Wirren und Rückständigkeit gestürzt und die führende Schicht sich selbst aufreiben lassen.
Mit der Thronbesteigung Heinrichs VII. (1485) wurde das innere Leben der Nation geregelt. Es war die Zeit, wo es zwischen den Großmächten Frankreichs und Spanien um die Vorherrschaft in Europa ging, und so ist es nur verständlich, dass das sich stärkende England nicht unbeteiligt zusehen konnte, zumal es die Macht bereits besaß, das „Auf und Ab der Waage“ bereits zu beeinflussen. Und so kann es nicht verwundern, dass das Wort vom Gleichgewicht bereits im 16. Jahrhundert zu einem „geheiligten“ Begriff aufgestiegen und als „Balance of power“ in den alltäglichen diplomatischen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat. So diente es auch als Aushängeschild für die Außenpolitik, deren Ziel darin bestand, in sich nicht festzulegen.

In der Praxis der britischen Außenpolitik stellte sich das Gleichgewichtsprinzip als ein System vielfältiger und wechselnder Mittel dar. Seinen Anfang, d. h. bewusst verfolgbar in der Politik, nimmt diese Prinzip im Hause Tudor zum Ausgang des 15. Jahrhundert mit der Herrschaft Heinrichs VII..

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86 Vgl. ausführlicher Wagner, F. (1947), England und das europäische Gleichgewicht 1500 – 1914, München, S. 10.

England erhielt die Grundlagen seines Aufstiegs. Es trat an die Seite der Großmächte Spanien und Frankreich. Es war die Zeit, wo das Prinzip des Gleichgewichts als bestimmendes Prinzip in der englischen Politik seine Grundlage fand.
England sah sich inzwischen veranlasst, auf Festlanderoberungen auf Kosten Frankreichs zu verzichten. Danach realisiert England seinerseits eine besondere Gleichgewichtspolitik zwischen Karl V. und Frankreich als „Zünglein an der Waage“.
In einem Bericht des venezianischen Gesandten in England Gussini vom 16. Mai 1634 erwähnt er die Meinung des englischen Staatssekretärs Coke wie folgt:
„Es steht alles gut, aber es ist nötig, ein Auge darauf zu haben, dass die Dinge schließlich in dem gehörigen Gleichgewicht bleiben und dass die Waage weder nach der einen, noch nach der anderen Seite ausschlägt (che lo cose restino in fine nel propio equilibrio e che la bilancia non propenderi nè dell uno nè dell altro canto).87
Der von dem englischen König geprägte Spruch „Cui adhaereo praeest“ („Wen ich unterstütze, der wird vorherrschen“), sollte der Zielstellung nach bedeuten, er sei der eigentliche Schiedsrichter im Rahmen des europäischen Gleichgewichts.

England mischte sich dann auf dem Festland ein, wenn es die Interessen des Inselstaates erforderten, es schwang sich so zum „Zünglein an der Waage der Gewalten“ auf. Doch diese sich an Sonderbündnisse und Ausgleichsverhandlungen klammernde englische Politik des Schiedsrichters musste sich auch entscheiden. „Wolseys Gleichgewichtsgedanke endete zwangsläufig mit der Parteinahme für einen der Kriegführenden, zuerst für den habsburgischen Kaiser Karl V., dann für den französischen König Franz I., dessen Niederlage im zweiten italienischen Krieg man 1529 teilte. Karl V. brauchte sich auf der Höhe seine Siege um die englische Einmischung nicht mehr zu kümmern; Franz I. schloss den Frieden von Cambrai (1529) ohne seinen Bundesgenossen.

Unter Cromwell stieg England zu der eigentlichen Vormacht des Protestantismus auf. Er schuf eine gewaltige und moderne Seestreitmacht, welche die Grundlage für die spätere englische Weltmacht darstellte. Unter Wilhelm III. betrieb jedoch England eine eigene Gleichgewichtspolitik und stellte sich an die

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87 Zitiert nach Bucher, L. (Anm. 13, S. 334). Der englische Historiker William Camden erzählt eine Begebenheit von 1577. Es fand ein Gespräch zwischen der Königin und dem Stadthalter der Niederlande Don Juan d´Austria statt. Er beklagte sich über den englischen Beistand an die niederländischen Aufständischen. Sie wies seine Beschwerde zurück. Camden meint dazu. „Und wahr ist, was jemand geschrieben hat, dass Frankreich und Spanien gewisser Maßen die Schalen in der Waage Europas sind, und England das Zünglein oder der Halter der Waage“ (And true it ist which one had written, that France and Spain are as ist were the Scales in the Balance of Europe, and England the Tangue or the Holder of the Balance“. Zitiert nach Kaeber, (Anm. 67, S. 28/29).

Spitze des Protestantismus im Kampf gegen die Vormacht des Katholizismus.88

Der allseitig gefeierte Frieden von Utrecht trug den Kern zur späteren Gefährdung des Gleichgewichts, denn England ging daraus als die stärkste europäische Macht hervor. Nunmehr bestimmte England Form und Inhalt des europäischen Gleichgewichts. So konnte es z. B. aufgrund von Sonderverträgen mit Frankreich ganz nach eigenen Vorstellungen die Machtverteilungen beeinflussen und sich so zum eigentlichen Gewinner des spanischen Erbfolgekrieges krönen, d. h. England konnte 1713 das europäische Gleichgewicht nach seinen Vorstellungen bestimmen; England konnte Frankreich auf das Festland beschränken und für sich die Freiheit der Meere beanspruchen.89

So kann man dieses Jahrhundert englischer Machtpolitik, englischer Gleichgewichtspolitik, als ein sehr wechselhaftes Zeitalter europäischer Politik bezeichnen, in dem es im Ergebnis kein Land gab, welches Englands Gleichgewicht-, Kolonial- und Handelspolitik hätte gefährden können. Es war ein Zeitalter, welches „das europäische Gleichgewicht zur „britischen Erbweisheit“ werden ließ.90 Das „klassische“ Zeitalter des englischen Gleichgewichtsgedanken war zu Beginn des 18. Jahrhunderts von relativer Ruhe .

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88 In Europa wurde Wilhelm von Oranien zum „Erhalter des europäischen Gleichgewichts und Befreier Europas von der drohenden französischen Obermacht“. Meinberg, H. (Anm. 69, S. 6/7). Winston Churchill hat 1936 die Gleichgewichtspolitik Englands in der Vergangenheit mit folgenden Worten verteidigt: „Wir schlugen jedoch immer den härteren Pfad ein, schlossen uns den Schwächeren an, schufen Bündnisse unter ihnen und besiegten die militärischen Tyrannen des Kontinents, wer immer sie waren, welche Nation sie auch führten, wir machten ihre Pläne zunichte… Wir folgen einem Gesetz der Staatspolitik, nicht einer Lösung, die uns die Lage aufzwingt, nicht Zuneigung und Abneigung oder anderen Gefühlen.“ Zitiert nach Morgenthau, H. (Anm. 19, S. 173/174). Der anglophile deutsche Patriot Arndt konnte dies nicht durchschauen. Seine unbegrenzte Begeisterung kommt mit folgenden Gefühlsausbrüchen zum Ausdruck: „O, wie du liegst, als ein wohltätiges Gewicht neben den Waagschalen Europens“, „Englands hochherziges und tapferes Volk“. Arndt, E. M. (1917). Das Verhältnis Englands zu Europa, Amsterdam, S. 12, 24.

89 Vgl. Windelband, W. (Anm. 68, S. 177). England handelte durchaus eigenmächtig. Es konnte durh die wechselseitige Lähmung der Großmächte auf dem Kontinent in anderen Regionen der Erde frei Hand haben. Vgl. Neuhold, H. P. (Anm. 64, S. 237). Vgl. Ferner Scheuner, U. (1943): England nutzte den größten Teil seiner Kräfte für die eigene Überseeentfaltung. Das europäische Gleichgewicht und die britische Seeherrschaft, Hamburg, S. 6/7, 43.

90 Vgl. Wagner, F. (Anm. 46, S. 34). England trieb zunächst Gleichgewichtspolitik zum Schutze seiner Inseln. Danach ging es England um Einfluss auf das Festland und nicht zuletzt um die Schiedsrichterschaft. Vgl. Bonjour, E. (Anm. 17, S. 28).

geprägt. Es gab keine, alle Länder interessierenden Fragen, die Europa wieder zum Kampfzentrum der Großmächte gemacht hätten. Trotzdem war man in kleineren Kämpfen bemüht, dass in Utrecht aufgestellte, allerdings durch Russlands Eintritt in die Reihe der Großmächte verschobene, Gleichgewicht wieder herzustellen.
Jedoch war der Charakter dieser Kämpfe in dieser Epoche dadurch charakterisiert, dass sich jetzt ziemlich gleichstarke Mächte gegenüberstanden. Zu der Zeit, als Spanien nach der Vorherrschaft strebte, war Frankreich sein großer Gegner, und um diese beiden herum gruppierten sich die anderen Mächte. Gegen Ludwig XIV. war die Koalition aller nötig gewesen, um diesen niederzuringen.

In dieser Zeit war es ausgeschlossen, dass sich in Europa ein Staat als alleinherrschende Macht herausbildete, was sich bezüglich der Erhaltung des Gleichgewichts in ständig wechselnden Allianzen widerspiegelte. Und so ist dieses Zeitalter durch den Kampf der alten, um die europäische und Weltvorherrschaft ringenden Konkurrenten England und Frankreich gezeichnet. Das Bestehen von gleichstarken Mächten in Europa hatte aber für England noch einen anderen Vorteil. Das Nebeneinanderbestehen dieser annähernd gleichen Kräfte, die immer auf einen Angriff der anderen gefasst sein mussten, zwang diese, den Hauptteil ihrer Kräfte auf die festländische Kriegsbereitschaft zu orientieren, und somit hatte England Handlungsfreiheit, da kein Konkurrent für seine Weltpolitik dar war. So hatte z. B. eine Flugschrift in den letzten Jahren des spanischen Erbfolgekrieges das Gleichgewicht als die notwendige Voraussetzung für Englands Seeherrschaft bezeichnet. Diese englische Politik wurde aber auch dadurch erleichtert, dass die anderen Großmächte, wie oben beschrieben, nicht ihr Hauptaugenmerk auf koloniale Fragen legten.

Erst Napoleon verschob das Gleichgewicht zu Gunsten Frankreichs. Es verwundert daher nicht, dass England sich an die Spitze des „Befreiungskampfes“ gegen Napoleon stellte. So war der englische Beitrag an der Niederringung Frankreichs sowie an der Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts besonders groß. Deshalb war England der eigentliche Gewinner der Gleichgewichtspolitik im 19. Jh.91 England konnte diese besondere Rolle spielen, weil mehrere günstige Voraussetzungen vorlagen. Es stand abseits von den Zentren der Spannungen und der Konflikte; es hatte keine grundlegenden Interessen an den Konflikten der anderen europäischen Mächte; es agierte im Grunde außerhalb des eigentlichen Gleichgewichtssystems durch seine isolierte Stellung; es konnte seine Machtziele in andere

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91 Vgl. Windelband, W. (Anm. 68, s. 275 ff.).

Regionen der Welt erreichen.92 Parallel dazu konnte sich England sukzessive zum ersten und wichtigsten Industriestaat entwickeln. Dies hatte gewaltige Auswirkungen auch auf dem Gebiet der Industrieproduktion. Ebenso konnte es zu einer Entfaltung der Produktivkräfte sowie der technischen Wissenschaften kommen.

Die europäische Gleichgewichtspolitik im 19. sowie im 20. Jh. bis 1945

Frankreich unter Napoleon zerstörte gründlichst das bis dahin im großen und ganzen geltende Gleichgewichtssystem. Hierdurch beging er eine große politisch-militärische Hybris, der die übliche Nemesis durch die verbündeten Siegermächte England, Preußen, Russland und Österreich folgte.

Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde der Gleichgewichtsgedanke wieder belebt, „gewann an Weite und Tiefe“ und galt wieder als Organisations- und Gestaltungsprinzip der Beziehungen zwischen den europäischen Staaten. Es wurde auch evident, dass es keinem Staat gelingen könnte, eine Hegemonie-Rolle zu spielen.93
Das Gleichgewicht war das tragende Prinzip der Wiener Schlussakte. Gleich in der Präambel wird dies deutlich: „Die Alliierten vereinigten sich zu der Aufgabe, dem Unglück Europas ein Ende zu machen und seine Ruhe auf eine gerechte Verteilung der Kräfte unter den Staaten, welche es bilden, zu begründen.“94 In Wien sind die Siegermächte weiter gegangen. Es wurde z. B.

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92 Vgl. Morgenthau, H. (Anm. 19, S. 298; Sheehan, M. (1996), The Balance of Power, History and Theory, London, p. 69; Bachmann, A. (2007), Politik zwischen Hegemonie und Gleichgewicht: die Geschichte der internationalen Beziehungen, Saarbrücken, S. 12/13.
So konnte England seine Seemacht unaufhörlich ausdehnen, während die festlandeuropäischen Staaten Kriege gegeneinander führten. Vor allem Deutschland hat diese Entwicklung regelrecht verschlafen. Vgl. hierzu ausführlich Meisner, H. D. (Anm. 48, S. 237). In dem Bemühen, deutsche Interessen zu verteidigen, wirft er England neidvoll die Diplomatie „haltet den Dieb“ vor.

93 Vgl. Stürmer, M. (2001). Die Kunst des Gleichgewichts, Berlin, S. 213. Nach ihm sei das Gleichgewicht „die europäischste aller europäischen Ideen“. Gerade durch die Gleichgewichtspolitik konnte Europa für fast vier Jahrhunderte „Mittelpunkt und Achse des Weltgeschehens“ sein. Scheuner, U. (Anm. 89, S. 6/7, 43) macht zu Recht auf den Übergang vom mechanischen Gleichgewichtsverständnis zu einem erweiterten und vertieften moderneren Verständnis aufmerksam. Dies sei auf dem Wiener Kongress geschehen.

94 Zitiert bei Meisner, H. D. (Anm. 48, S. 233).

der „Deutsche Bund“ als Föderativordnung im mitteleuropäischen Raum als eine Art „inneres Gleichgewicht“ geschaffen. Es wurden ferner zusätzliche Bündnisverträge wie z. B. zwischen Russland, Österreich und Preußen abgeschlossen („Heilige Allianz“), mit dem Ziel, die neue europäische Gleichgewichtsordnung ideologisch abzusichern. Die „Heilige Allianz“ war zugleich ein Machtinstrument gegen liberale und nationale Bewegungen.
Der europäische Machtkonzert konnte immerhin bis zur totalen Zerstörung durch die totalitären Kriege des 20. Jh. im Prinzip bestehen. Das auf dem Wiener Kongress entwickelte Konzept des „kooperativ-kompetitiven Gleichgewichts“ stützte sich auf die „machtpolitische Dynamik von Hegemoniebestreben und Gleichgewichtspolitik“.95

Bei der Erarbeitung des neuen Gleichgewichtskonzeptes spielte der österreichische Außenminister Metternich die wichtigste Rolle. Sein Hauptziel bestand dabei darin, die Gleichgewichtspolitik, so wie sie vor der Französischen Revolution bestand, wieder herzustellen. Metternich fügte zu dem bestehenden Gleichgewichtsverständnis noch zwei entscheidende Elemente hinzu: die Legitimität und die konservative Solidarität. Hierdurch sollten die berechtigten Interessen aller Mächte in Einklang gebracht werden. Er sprach expressis verbis von einem „Prinzip der Solidarität und des Gleichgewichts“, „um die jeweilige Übermacht eines Einzelnen und die Ausbreitung seines Einflusses zu hemmen und ihn zur Rückkehr in das gemeinsame Recht zu zwingen.“96

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95 So Link, W. (1998), Die Neuordnung der Weltpolitik, Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle des 21. Jh., München, S. 17. Vgl. ferner: Geiss, I. (1993),Geschichte griffbereit, Band 5, Dortmund, S. 467. Er bezeichnet die „Heilige Allianz“ als „Symbol der Reaktion und der Restauration“; Bachmann, A. (Anm. 92, S. 23, 25).

96 Metternich Winneburg, R. (1880). Metternichs nachgelassene Papiere, Band 1, Wien, S. 34. Vgl. ferner: Stadtmüller, G. (1951), Geschichte des Völkerrechts, Teil I, Hannover, S. 177 ff, Paléoloque, M. (1929), Drei Diplomaten, Talleyrand. Metternicht. Chateaubriand (Original: „Romantisme et Diplomatique“), Berlin, s. 106 ; Kissinger, H. (Anm. 50, S. 12). Er gibt eine interessante Begründung für die „Lehre von der Legitimität“ Metternichs: „Weil das Gleichgewicht der Kräfte nur das Maß der Aggression begrenzt, die Aggression aber nicht verhindert“. Nach Fenske, A. (Anm. 11, S. 988) betrachtete Metternich das Gleichgewicht und die Konservation als identisch. Insgesamt zu Metternich vgl. Herre, F. (1983), Metternich, Staatsmann des Friedens, Köln, insbesondere S. 206 – 456. Metternich hielt sich „für ein altes Buch, in dem ein Geschichtsschreiber nachliest“ (S. 442).

Der Vertreter Frankreichs auf dem Wiener Kongress, der führende Diplomat Talleyrand hat ebenfalls einen eigenen Beitrag zur Erarbeitung des neuen Gleichgewichts geleistet. Er war imstande, dies zu tun, weil seine gesamte politisch-diplomatische Laufbahn mit der Gleichgewichtsproblematik verbunden war.
Bereits kurz nach dem Sieg Napoleons über Österreich, Preußen und Russland meinte Talleyrand, dass Napoleon der erste und einzige sei, „der Europa ein wirkliches Gleichgewicht hätte geben können“ („Denkschrift über die gegenwärtigen Beziehungen Frankreichs zu den anderen Staaten Europas“ vom 25.11.1792).97 Nach seinem Gleichgewichtsverständnis geht es um Einflüsse der Mächte: „In dem Verhältnis, in dem sich diese Einflüsse gegenseitig die Waage halten, besteht sein Gleichgewicht („Instruktionen für die Botschafter des Königs beim Kongress“).“98

Hier geht es um ein dynamisches Verständnis vom Gleichgewicht. Er versuchte, ein fast systemtheoretisches Denken zu entwickeln: „Das allgemeine Gleichgewicht in Europa kann sich nicht aus einfachen Elementen zusammensetzen, sondern nur aus Systemen von partiellen Gleichgewichten. Die kleinen oder mittleren Staaten würden dann nur im Rahmen des besonderen Systems teilnehmen, dem sie angehören.“99 Diese geniale Idee könnte sogar auf die moderne Welt des 21. Jh. angewandt werden. Talleyrand sah zwei Realisierungsmöglichkeiten vor:

a ) Ein System der Verbindung einer Großmacht mit Staaten zweiten und dritten Ranges als Gegengewicht zu den übrigen Großmächten.

b ) Verständigung der Großmächte untereinander, wobei sich diese Mächte in ihren Machtbestrebungen gegenseitig überwachen und möglichst gemeinsam das Verhalten der übrigen Klein- und Mittelmächte kontrollieren sollen. Dies ist der Gedanke des Konzertes der Großmächte.100 Ihm schwebte eine Kombination der Rechte, Interessen und Beziehungen der Mächte untereinander derart vor, dass zum einen Rechte und Besitzungen einer Macht durch andere Mächte nicht angegriffen werden, zum zweiten weder eine oder mehrere Mächte Europa zusammen jemals beherrschen können und dürfen und drittens, dass diese

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97 Text in: Rahn, R. (1949); Talleyrand, Portait und Dokumente, Tübingen, S. 181. Vgl. ferner zu seinem Gesamtverhältnis zum Gleichgewicht Kraft, J. (1958), Prinzipien Talleyrands in der Außen- und Innenpolitik, Bonn S. 33.

98 Text in Ibid., S. 910. Talleyrand übt Kritik an dem eigennützigen Gleichgewichtsverständnis der Alliierten Mächte („Memoiren des Fürsten Talleyrand, Band II, Leipzig 1891 – 1893, S. 320.

99 Ibid., S. 205/206. In diesem Zusammenhang dachte Talleyrand auch an das Osmanische Reich, das im Rahmen des europäischen Gleichgewichts eine Rolle spielen könnte (S. 200).

100 Vgl. Kraft, J. (Anm. 97), S. 33

Kombination eine Verletzung der bestehenden Ordnung in Europa unmöglich macht.101 Aus einem Vergleich zwischen den diplomatischen Leistungen geht hervor, dass Metternich der realistische Machtpolitiker war. Talleyrand hingegen war der theoretische Kopf auf dem Wiener Kongress. Im allgemeinen wird eingeschätzt, dass die Leistung des Wiener Kongresses darin besteht, dass 100 Jahre lang kein großer Krieg in Europa geführt wurde.102

Ende des 19 Jh. stieg Deutschland zu einer neuen europäischen Großmacht auf, wobei das europäische Gleichgewicht stark gestört wurde. Auf allen Gebieten entwickelte sich Deutschland rasant und erfolgreich. Das Gleichgewichtssystem veränderte sein Wesen vor dem ersten Weltkrieg erheblich.
Es ging nicht mehr um die in den vergangenen Jahrhunderten üblichen spontanen Allianzbildungen, sondern um zwei starre Machtblöcke, die sich gegenüber standen, nämlich die „Entente cordiale“ auf der einen Seite und Deutschland/Österreich auf der anderen Seite.

Speziell Deutschland dachte nicht im Geringsten in Gleichgewichtskategorien. Es betrieb vielmehr eine äußerst aggressive, plumpe und grobschlächtige Außenpolitik, die schließlich zum Ersten Weltkrieg und als dessen Folge zur Zerstörung des österreichischen Kaiserreiches sowie zu dem für Deutschland demütigenden Versailler Vertrag führte. Deutschland wurde für die von ihm betriebene Hybris hart bestraft.

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101 Vgl. Ingrim, R. (1952), von Talleyrand zu Molotow. Die Auflösung Europas, Stuttgart, S. 52. Als solche Großmächte betrachtete Talleyrand Österreich und Russland. Durch ihr Bündnis könnte Europa vor den „Gelüsten“ Napoleons gerettet werden. Vgl. Kraft, J. (Anm. 97), S. 36.

102 Vgl. beispielsweise Gruner, W. (Hrsg., 1989), Gleichgewicht in Geschichte und Gegenwart, Hamburg, S. 70. An dem Kongress nahmen fünf souveräne Staaten teil. Kurz danach waren jedoch England und Russland die Hauptakteure der europäischen Politik.

Die Gleichgewichtspolitik spielte noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges als Ordnungsfaktor der internationalen Beziehungen doch eine wichtige Rolle, die vor allem nach der Entwertung des Völkerbundes entscheidender war als jene des Völkerrechts.103
Während der deutsche Nationalsozialismus seine menschenverachtende Weltanschauung auf die ganze Welt ausdehnen wollte, ließen sich mehrere Staaten von ihrem Selbsterhaltungstrieb leiten und bildeten eine machtvolle Koalition, die schließlich den Aggressor und Zerstörer des Gleichgewichts in die Knie zwang. Zum zweiten Mal innerhalb von ca. 30 Jahren wurde die deutsche Hybris hart bestraft. Dem Wesen nach ist für Deutschland die demonstrative Missachtung des europäischen Gleichgewichts und des Völkerrechts der historische Fehler für die zweifache Katastrophe gewesen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein neues Kapitel des Gleichgewichts aufgeschlagen. Es ging über Europa hinaus und wurde international. Es entstand ein bipolares Gleichgewicht.

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103 Vgl. ähnlich auch Hagemann, M. (1948/49), Rechtssoziologische Probleme der Friedenssicherung durch internationale Organisationen, in: Archiv des Völkerrechts, 3/1, S. 302/303. Das Gleichgewichtsprinzip bestimmte die Neutralitäts- und Allianzpolitik der europäischen Länder.

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