Orthodoxie, Russische, Ukrainische

Russische und Ukrainische orthodoxe Kirche

1. Rußland und die Ukraine gehören zu den europäischen Staaten sui generis, weil sie genauso wie andere Staaten Osteuropas und des gesamten Balkan mit orthodoxerTradition weder die Renaissance, noch die Aufklärung, noch die bürgerliche Revolution, noch den bürgerlichen Staat, noch eine funktionierende Demokratie hatten. So betrachtet, sind sie in erster Linie in geographischer Hinsicht Teil Europas. Kurzum, sie sind in politischer Hinsicht zurückgebliebene Staaten, deren Zukunft sehr ungewiß ist.

2. Für diesen Zustand gibt es mehrere Gründe, aber der wichtigste ist in der extrem negativen Haltung der orthodoxen Kirche zu den welthistorischen Europäischen Aufklärung zu suchen. Das Welt-, Gesellschafts- und Menschenbild der Orthodoxie ist theozentristisch und nicht anthropozentristisch orientiert, wodurch die Herausbildung des selbsbewussten Individuums und des staatstragenden Bürgers massiv verhindert worden ist.

3. Dennoch ist die identitätsstiftende und identitätssichernde Rolle der Orthodoxie bei der Ethnogenese in Ost- und in Südosteuropa nicht zu unterschätzen.Sowohl allgemein , als auch kokret vermittels der Autokephalie der jeweiligen Nationalkirche konnte eine eigene nationale Identität geschaffen werden. Genau so war es bei den Balkan-Völkern. im 19. und im 20 Jh. So ist es normal, dass die ukrainische Kirche sich von der russischen Kirche trennt und mit der Hilfe des Ökumenischen Patriarchats der Orthodoxie Autikephalie im Sinne einer Nationalkirche erlangt.

4. Aber hierdurch werden vitale Interessen der russischen orthodoxen Kirche als auch allgenein des Imperium Russicum direkt berührt. Beide Kirchen befinden sich nunmehr in einem unchristlichen feindlichen Zustand genauso wie Russland und die Ukraine.

5. Zugleich kann die russische Kirche ihre jahrhunderte alten Träume über die Erlangung der Führung der gesamten Ortodoxie und die Verwandlung Moskaus zu ihrem Zentrum endgültig begraben.
Der Spiegel (19.10.18)