Göttin – Matriarchat

Göttin – Matriarchat

Einleitende Bemerkungen, Probleme des Ansatzes

Die Herangehensweise an das hochinteressante, aber komplexe Thema stützt sich auf Dokumente wie Hymnen und andere Gedichte, die einen Zeitraum von 4500 Jahren abdecken, was bedeutet, dass sie nicht nur aus der Eisenzeit, sondern auch aus der Bronzezeit stammen, vor allem aus der Region des Vorderen Orients, wo vor etwa 10.000 Jahren der Ackerbau erfunden wurde und somit die Zivilisation entstand, die ersten Staaten gegründet und die ersten Rechtskodizes bereits 4.000 Jahre vor Christus formuliert wurden (codex  Eschnuna), lange vor dem allgemein bekannten Gesetzgeber Hammurabi.
Was die wissenschaftlichen Literatur-Quellen anbelangt, so stützt sich die Studie auf die Schriften bedeutender Spezialisten, nämlich Archäologen, Religionswissenschaftler, Mythologen, Archäophilologen, Historiker, Ethnologen und Soziologen. Aus Platzgründen können nicht alle der zahlreichen Literatur-Quellen genannt werden. Der vorliegende Text bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen journalistischem Artikel und populärwissenschaftlicher Studie.
Es wurde festgestellt, dass es beim Thema Matriarchat keine Einstimmigkeit unter den Experten gibt, was für viele Aspekte gilt. Manche bezweifeln, dass das Matriarchat wirklich existierte. Auch über den Begriff und seine Definition gibt es unterschiedliche Auffassungen. Außerdem ist es fast zur Gewohnheit geworden, dass jede der oben genannten Wissenschaften ihre eigene Definition hat. Vor allem die Vertreter der marxistisch-materialistischen Weltanschauung vertreten Ansichten, die sich von allen anderen völlig unterscheiden. Das Gleiche gilt für die Mythologen.
In einer relativ langen Zeit, teilweise schon seit dem 18. und systematisch seit dem 19 wurde das Matriarchat erforscht. In der Zwischenzeit werden vor allem in Mitteleuropa sensationelle archäologische Entdeckungen gemacht, welche die seit langem aufgestellten Theorien schnell infrage stellen. Überdies hat die systematische und langjährige ethnologische Forschung dazu beigetragen, das Wissen über das Phänomen des gegenwärtigen Matriarchats bei 160 indigenen Völkern zu erweitern.
Der methodische Ansatz wird wie folgt durchgeführt:
1. Definition des Matriarchats.  2. Archäologische Funde als Hauptgrundlage für die Theorie des Matriarchats. 3. Das Matriarchat in den Mythen des Vorderen Orients. 4. Matriarchat, Rechtfertigung, Interpretation. 5. Literatur-Quellen.
1. Definition des Matriarchats
Zunächst ist die Definition des Matriarchats in einem der weltweit anerkannten linguistischen Wörterbücher zu berücksichtigen: “Macht der Mutter, soziales System, in dem die Frau die privilegierte Stellung im Staat und in der Familie innehat, sowie das Verfahren der Vererbung und die soziale Stellung auf der Grundlage der mütterlichen Herkunft” (siehe DUDEN, Das große Fremdwörterbuch, Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter, Mannheim, Leipzig et alt. Diese Definition hat jedoch einen sehr allgemeinen und komplexen Charakter und ist daher für die Zwecke dieser Studie eher ungeeignet.Daher wird untersucht, welche ebenfalls komplexe (von vielen Experten) Definition im Allgemeinen international zumindest bekannt, wenn nicht sogar akzeptiert ist. Methodisch ist es jedoch vorzuziehen, die charakteristischen Merkmale des Matriarchats zu nennen:
1) Der Ausgangspunkt ist, dass es sich um ein soziales System handelt.
2) Organisation aller sozialen und rechtlichen Beziehungen auf der Grundlage der matrilinearen Abstammung (“matrilineare Linie”).
3) Religiöse Konzepte haben als Ausgangspunkt eine Ahnenfrau oder eine Große Göttin.
4) In Gesellschaft und Religion spielen Frauen eine entscheidende Rolle.
Einige Wissenschaftler sind jedoch so vorsichtig, dass sie nur von einem hypothetischen Gesellschaftssystem des Matriarchats sprechen, in dem ausschließlich Frauen die politische Macht innehaben (z. B., E. W. Müller, Mutterrecht, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, 6/1984, S. 261). Es gibt noch viele andere Definitionen des Matriarchats, aber es ist weder angebracht, noch aus Platzgründen möglich, sie alle aufzuführen.
Wichtiger sind andere entscheidende Positionen, die auch heute noch in der entsprechenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Matriarchat von Bedeutung sind. Es werden nur die wichtigsten erwähnt:
1) Vor allem englische Archäologen haben im 18. und 19. Jahrhundert die Position formuliert, dass es in prähistorischer Zeit ein kulturelles Matriarchat mit der Verehrung einer Großen Göttin als dominierende Grundlage gab.
2) Mit erheblicher Verspätung haben deutschen Experten die Ansicht vertreten, dass vor allem in der Jungsteinzeit das Matriarchat vorherrschte.
3) Der Historische Materialismus betrachtet das Matriarchat als eine allgemeine und notwendige Stufe der archaischen Geschichtsperiode. Auf dieser grundlegenden Ansicht basiert die marxistische Kulturwissenschaft im Rahmen ihrer Opposition gegen das Patriarchat und natürlich in erster Linie gegen den Kapitalismus, der ihrer Meinung nach enorme Übel über die Welt gebracht hat, während in der matriarchalen Vergangenheit nicht nur des Neolithikums (5500/5000-3000 v. Chr.) und Mesolithikums (8000-5500/5000 v. Chr.), sondern auch des Paläolithikums (von den Anfängen bis 8000 v. Chr.), Achtung: Die Zahlen gelten vor allem für Europa) hat sich der erste Kommunismus in der Geschichte der Menschheit durchgesetzt, unter Berufung auf die tatsächlich gefundenen Statuen von Idolen weiblicher “Gottheiten” ! Das nennt man “Wissenschaft”, die sogar besonders einzigartig sei.
4) Feministinnen haben wahrscheinlich aufgrund politischer Ziele systematisch und auf breiter Ebene die Theorie aufgestellt, dass Frauen in der ersten historischen Periode der Menschheit, die in der Regel prähistorisch ist, eine entscheidende Rolle vor allem im Bereich der Kultur gespielt haben. Die Auseinandersetzung mit diesen Ansichten findet in Abschnitt 4 des Rahmenplans statt.
5) Wir stellen mit Interesse fest, dass politische Ziele auch in der zeitgenössischen Ethnologie einen entscheidenden Einfluss auf die Haltung von Ethnologinnen zur Frage des Matriarchats ausüben. Feministisch ausgerichtete Wissenschaftlerinnen in fortgeschrittenen Ländern haben das Konzept des Matriarchats bereits in den 70er -Jahren des letzten Jahrhunderts abgelehnt. Die gleiche Position vertritt die Sozialanthropologie, die inzwischen aufgehört hat, diesen Begriff als terminus scientificus (wissenschaftlicher Begriff) zu verwenden.
Im Gegensatz dazu verteidigen Wissenschaftlerinnen aus asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern, die sich wissenschaftlich mit ihren eigenen Ethnien auseinandersetzen, den Begriff Matriarchat mit dem politischen Ziel, zu beweisen, dass in ihren Ländern vor dem Kolonialismus und der Christianisierung die Stellung der Frau in der Gesellschaft stark war und dass das Patriarchat ein Produkt der europäischen Christen sei (Siehe insbesondere Ifi Amadiume, Reinventing Africa: Matriarchy, Religion and Culture, London /N. Jersey1997 und M. Harroun Foster, Lost Women of the Patriarchy, Iroquois Women in the Historical Literature, UCLA American Indian Studies Center,1995).
Die moderne Ethnologie bevorzugt den Begriff Matrilinearität, was bedeutet, dass die Abstammung von der Frau (Urgroßmutter,Großmutter,Mutter) in Gesellschaften ohne staatliche Organisation vorherrscht, die fast ausschließlich von Ackerbau und Viehzucht abhängen und eine entscheidende Rolle spielen, wenn es um Erbschaftsprobleme geht. In vielen indigenen Ethnien gibt es auch das interessante Phänomen der Matrilokalität, das heißt, dass der Bräutigam im Falle einer Heirat zur Familie der Braut zieht.
2. Archäologische Funde als Hauptgrundlage für die Theorie des Matriarchats
Die einzigen Artefakte, die mit dem Matriarchat in Verbindung gebracht werden können, sind die zahlreichen Idole von Frauen mit riesigen Brüsten, aber auch mit großen Bäuchen und riesigen Hinterteilen. Diese wurden vor allem in Mitteleuropa gefunden, vielleicht weil die Paläoarchäologen dort am besten arbeiten.
In Griechenland wurde keine derartige Statuette aus dem Paläolithikum und Mesolithikum gefunden, was aber nicht bedeutet, dass es sie auf griechischem Gebiet nicht gibt. Leider haben sich die archäologischen Ausgrabungen, bis auf wenige Ausnahmen, auf die klassische griechische Periode konzentriert.
Die bekanntesten Idole sind aus dem Jungpaläolithikum die “Venus von Willensdorf” (1908), die “Venus von Galgenberg”, die “Göttin” von Kostjonki I (1983), drei schwangere Frauen vom selben Fundort, daneben aus dem Mesolithikum dicke und einige dünne Statuetten, aber nur als Göttinnen.
In der Jungsteinzeit sind fast alle Funde von Frauenstatuetten dünn (in der Türkei und Malta dick) und mit winzigen Brüsten (Jordanien), und plötzlich gibt es auch Funde, die Männer darstellen, die mit einer Streitaxt kämpfen! Falls es das Matriarchat tatsächlich gegeben hat, wäre es hier definitiv zu Ende gewesen.
In der Bronzezeit wurden weibliche Idole, außer in seltenen Fällen wie den schönen weiblichen Statuetten von den Kykladen, durch männliche ersetzt (Männer mit Waffen oder als Löwen oder auf dem Thron sitzend), (vgl. Brockhaus, Weltgeschichte, 1, S.56, 69, 80, 8, 89,95, 99/100, 119, und Brockhaus, Kunst und Kultur, 1, Mannheim , Leipzig, 1997, S. 30, 32-34, 41, 62, 150/151).
Weibliche Idole werden von führenden Archäologen recht unterschiedlich interpretiert. Eine Denkschule lehnt die Ansicht als nicht überzeugend ab, dass die Statuetten die Existenz des Matriarchats bereits in der jüngeren Altsteinzeit (ca. 30.000-8.000 Jahre v. Chr.) beweisen könnten und es daher keine anthropologischen Erkenntnisse gebe.
Selbst Funde aus der Jungsteinzeit in Ägypten, Kreta, Griechenland und dem weiteren Nahen Osten sind angeblich kein Beweis für eine religiöse Funktion. Eine andere Denkschule vertritt genau das Gegenteil
Im Allgemeinen war die Theorie, dass das Neolithikum friedlich war, noch vor einigen Jahren weitverbreitet. Die Ergebnisse spezieller und langfristiger Ausgrabungen in den 1980er -Jahren in Deutschland und Österreich haben zweifelsfrei bewiesen, dass es bereits im Neolithikum zu gewaltsamen und manchmal brutalen Konflikten zwischen der landwirtschaftlichen Bevölkerung gekommen war. In einem Fall massakrierten die Feinde die gesamte Bevölkerung eines Dorfes (siehe J. Petrasch, Mord und Krieg in der Bandkeramik, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 29/1999, S. 505 ff.). Dieses und andere ähnliche Beispiele sind ein Hinweis für die historische Tatsache, dass bereits in der Jungsteinzeit teilweise soziale Differenzierungen und Hierarchien auftraten mit der Folge, dass Konflikte um wirtschaftliche Interessen und die Verteilung der produzierten Güter ausgetragen wurden. Einfach formuliert: Welche Sippe auch immer aufgrund des Klimas hungerte, beraubte gewaltsam die benachbarte wohlhabende Sippe.
Schlussfolgerung: Vom Spätpaläolithikum bis zur Bronzezeit wurden über einen Zeitraum von mindestens 25 000 Jahren weibliche Idole gefunden, die weibliche Gottheiten darstellen. Es ist eine Frage der Interpretation der archäologischen Funde, ob sich durch sie das soziale System des Matriarchats nachweisen lässt.
3. Das Matriarchat in den Mythen des Vorderen Orients
Die Untersuchung des Phänomens des Matriarchats stützt sich vor allem auf die berühmten Mythen des Vorderen Orients, die in der Tat die ältesten in der Kulturgeschichte der Menschheit sind, da die Schrift in dieser Region bereits 3.000 Jahre vor Christus erfunden wurde! Zwischen dem 2. und 3. Jahrtausend wurde im Vorderen Orient das Matriarchat durch das Patriarchat ersetzt. Diese Tatsache wird im babylonischen Mythos von der Erschaffung der Welt erwähnt, wo der Kampf zwischen der Göttin Tiamat und dem Gott Marduk mit zahlreichen Verbündeten ausführlich beschrieben wird.
Einer der wichtigsten Religionshistoriker in enger Verbindung mit Mythen, d.h. ein Mythologe, ist der Engländer Edwin O. James, der das international bekannte Standardwerk über das Matriarchat “The Cult of the Mother Goddess, An Archaeological and Documentary Study, London 1959, (“The Cult of the Divine Mother…”) verfasst  hat, das noch heute als Standardwerk gilt, aber inzwischen, wie  bereits erwähnt wurde, die spezielle Archäologie sich weiterentwickelt hat. Dieses Buch hat mir schon in den 70er -Jahren geholfen, die zahlreichen hymnischen Mythen besser zu verstehen, die ich nach und nach gesammelt und immer mit Bewunderung gelesen habe.
Interessanterweise stellt der Autor die Statuen der weiblichen Göttinnen in ihrer Entwicklung dar: er beginnt mit den paläolithischen fetten und hässlichen, geht über die mesolithischen halbfetten und erträglichen, zu den neolithischen schlanken und schönen, und erreicht die hochästhetischen weiblichen Göttinnen der Bronzezeit (siehe E.J., oben, in der deutschen Übersetzung “Der Kult der Großen Göttin”, Bern 2003, S. 57-107).
Was die Mythen über die Gottheiten im Vorderen Orient betrifft, so sei daran erinnert, dass sie in der Zeit des Patriarchats, d. h. der Männerherrschaft, entstanden sind. Männer mit priesterlichen Ämtern, manchmal auch Könige, haben Göttinnen erfunden, aber sie haben auch die Rolle der Frauen für den sozialen Zusammenhalt und insbesondere für die religiöse Erziehung der Kinder und allgemein für den politischen Einfluss auf die Gläubigen berücksichtigt. Das bedeutet, dass die Religion nicht nur als menschliches Phänomen notwendig war, sondern auch begann, sich in ein politisches Herrschaftsinstrument zu verwandeln.
Von den zahlreichen und eindrucksvollen Beispielen sollen hier nur einige wenige, aber aussagekräftige genannt werden. Ich möchte betonen, dass ich zwar einige Hymnen habe, diese aber nicht ausreichen, um daraus viele Schlussfolgerungen zu ziehen. Deshalb stütze ich mich auf ein erstaunliches Buch, einen wahren Schatz, der fast alle Hymnen enthält, die mit dem Matriarchat zu tun haben (Siehe Vera Zingsem, Göttinnen großer Kulturen, Köln 2005, 1. Auflage: Der Himmel ist mein, die Erde ist mein, Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten, Tübingen 1995).
Wir zitieren als Beispiel eine kurze Passage aus der legendären sumerischen “Heiligen Hochzeit”: “Stolz nähert sich der König den heiligen Hüften (Schenkeln), – Stolz nähert sich Dumuzi den heiligen Hüften von Inanna, – er legt sich neben sie auf das Bett, – nachdem er in ihren heiligen Flaum eingedrungen ist… ” (V.Z., oben, S.95).
Der Geschlechtsverkehr fand ausnahmslos im Heiligtum des göttlichen Tempels statt, wo das Paar allein war, d.h. der König wollte keine Zeugen im Falle einer sexuellen Impotenz, die seine Entthronung zur Folge hätte. Kurz gesagt, das Wunder wurde ohne Zeugen vollbracht, was auch von anderen Wundern bekannt ist.
Meine Interpretation des “heiligen” Geschlechtsverkehrs:
α) Der König war in Sumerien, ähnlich wie der Pharao in Ägypten, für eine erfolgreiche Landwirtschaft als dominierende Grundlage der Ernährung der Bevölkerung verantwortlich.
b) Alle waren davon überzeugt, dass die Fruchtbarkeit der Pflanzen, der Tiere und der Menschen von der Fruchtbarkeitsgöttin und damit vom Beischlaf des Königs mit der Priesterin als Personifikation der Göttin Inanna (etymologische Bedeutung im Sumerischen: “Königin des Himmels und der Erde”) abhing. Diese sowie weitere Göttinnen wie Ischtar, Astarte, Aphrodite, Venus waren zugleich die Personifizierung der Lebe, des Krieges und der Schönheit.
c) Das Wichtigste ist jedoch wahrscheinlich die machtpolitische Bedeutung. Von der großen Macht der Muttergöttin im Sinne des Matriarchats sind in der entwickelten Männerherrschaft im Vorderen Orient zwei Dinge geblieben: Das eine war die Apotheose und die Entfernung der ehemals mächtigen Göttin in den Himmel, d.h. weit weg von der Macht. Entscheidender war jedoch die Liebesbeziehung des Königs mit der Vertreterin der Göttin. Von ihr empfing der König alljährlich die heilige Salbung seiner Macht, so wie Jahrtausende später der Kaiser vo dem römisch-katholischen Papst oder von  dem orthodoxen Patriarchen als conditio sine qua non (absolut notwendige Bedingung) für die kaiserliche Macht erhielt.
Und daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, wie mächtig Religion und Priesterschaft waren. Wir zitieren eine weitere Passage aus dem Gedicht “Der Eid der Ischtar”: “Große Ischtar, Schöpferin der Menschen, sie, die den “Mächten der Ordnung” Dauer gibt, die auf einem hohen Thron sitzt !-königliche Ischtar, schillernd von Igiku, Schöpferin aller Menschen, sie, die für die Ordnung der Wesen sorgt” (siehe V. Z. oben…, S.120 ).

4. Matriarchat, Rechtfertigung, Interpretation

Nur durch Wissen, und sei es noch so umfangreich, ist es nicht möglich, komplexe Probleme zu erkennen und zu lösen. Dies ist der Hauptgrund für die Anwendung einer anerkannten wissenschaftlichen Methodologie, die jedoch meist allgemeiner Natur ist. Ausgangspunkt der Methodologie ist in der Regel die allgemeine Unterscheidung zwischen Idealismus und Materialismus (Marxismus), die jedoch für eine erfolgreiche Annäherung an das betreffende Thema nicht ausreicht.
Im Hinblick auf das komplexe Phänomen des Matriarchats wurden die Spezialwissenschaften mit ihrer jeweiligen methodischen Positionierung genannt, nämlich Archäologie, Theologie (insbesondere Religionsgeschichte), Mythologie, Geschichte, Ethnologie und Soziologie. Zu erwähnen sind auch andere Wissenschaften wie die Neurowissenschaften, z.B. die Neurobiologie, die Neurophilosophie, die Neurotheologie usw. Auch die Psychoanalyse und ihre Methoden werden im Allgemeinen erwähnt. Normalerweise sollten die erforderlichen interdisziplinären wissenschaftlichen Forschungsgruppen mit dem Ziel eingerichtet werden, bestehende Probleme erfolgreich lösen zu können. Doch kleinliche Egoismen der Vertreter der Fachwissenschaften sowie organisatorische und technische Probleme erschweren es, solche eher idealen Forschungsbedingungen zu schaffen. Wir haben in einer verantwortlichen Position sehr negative Erfahrungen damit gemacht.
Daher werden wir hier einen anderen Ansatz für das Thema wählen, der den Bedürfnissen und dem Charakter des Themas angemessen ist, ohne eine bestimmte Methode bevorzugen zu wollen.
Der Homo sapiens sapiens verfügte über eine ausreichende Intelligenz, um seine physische Umwelt zu überwachen, denn seine Lebensbedingungen hingen direkt von ihr ab. Dabei handelt es sich in erster Linie um einen Zeitraum von mehreren Dutzend Jahrtausenden, in dem der Mensch als Raubtier, Sammler und Fischer lebte. Nach der üblichen Arbeitsteilung war die Jagd Sache des Mannes, der Tage oder Wochen unterwegs war, um geeignete Beute zu finden. Kurz gesagt, der Mann war oft nicht an seinem Wohnort und hatte daher wenig mit seinen Kindern zu tun, für deren Erziehung die Frauen zuständig waren.
Der Mensch machte im Allgemeinen zum Beispiel die entscheidende Beobachtung, dass das Weibliche in allen Wesen die objektiv vorherrschende Rolle spielte:
α) Die Frau trug zur Fortpflanzung der menschlichen Gattung bei, weil sie die Kinder zur Welt brachte und damit den Säuglingen das Leben schenkte. Das hatte die Qualität eines Wunders.
b) Weil der Mensch kein Wissen hatte, um das Phänomen der Schwangerschaft zu verstehen, erschien ihm dieses als etwas Magisches, als ein Mysterium und Göttliches mit der Frau als Protagonistin, der gegenüber die Männer Ehrfurcht und Dankbarkeit empfanden. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Kinder überall auf der Welt die Mutter mehr lieben als den Vater.
c) Die Mutter ernährte den hilflosen Säugling zunächst mit ihrer Milch. Es ist verständlich, dass durch diese Fähigkeit und Leistung der Status der Mutter in der Familie und in kleinen Gesellschaften erhöht wurde. Außerdem empfand das Kind große Liebe und Dankbarkeit gegenüber seiner Mutter, die es ernährte und beschützte.
d) In ihrer Eigenschaft als Sammlerin hat die Frau im Laufe der Zeit genaue und wertvolle Kenntnisse über die Eigenschaften von Gräsern, Kräutern und Früchten erworben. So konnte sie beispielsweise nützliche von giftigen Gräsern und Kräutern unterscheiden und aufgrund ihrer großen Erfahrung feststellen, welche von ihnen Stoffe enthielten, die Halluzinationen auslösten, und welche sich für Farbstoffe eigneten.Sie erwarb die Fähigkeit, auf der Grundlage von Naturprodukten eine geeignete Ernährung zuzubereiten.
Auf diese Weise hat eine Frau die ernährungsphysiologischen Eigenschaften des Weizens entdeckt und damit den Grundstein für die gewaltige Erfindung der landwirtschaftlichen Produktion (erste große Revolution der Produktivkräfte in der Menschheitsgeschichte) vor ca.10.000 Jahren im Nordirak gelegt. Die Landwirtschaft legte den Grundstein für die erste menschliche Zivilisation, die in Sumerien (Südirak) begann. Deswegen betrachteten die Männer die Frauen als Kennerinnen und Zauberinnen und brachten ihnen Ehrfurcht und Dankbarkeit entgegen.
e) Zu allen Zeiten und bei allen Völkern haben die Frauen die wichtige Aufgabe der Hüterin des Feuers wahrgenommen. In diesem Bereich war die ganze Familie von ihr abhängig.
g) Während der Mann als Jäger unterwegs war, hat die Frau einfache Haushaltsgeräte und -techniken erfunden, um die Lebensbedingungen zu erleichtern, weil sie, nicht der Mann, die nötige Zeit zur Verfügung hatte.
h) Es versteht sich von selbst, dass sich diese entscheidende Rolle der Frau in den frühesten Mythen der Menschheit widerspiegelt, in denen dargelegt wird, dass zuerst die Göttinnen und dann die Götter erschienen sind. Aber auch dieser Prozess hat Tausende von Jahren gedauert.
i) Es ist also kein Zufall, dass in allen Kulturen und in allen Sprachen die Phänomene der Erde und der Natur weibliche und nicht männliche Namen erhalten haben.
Aus den genannten Argumenten ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die Rolle der Frauen so entscheidend war, dass die ersten Idole (Statuetten) Frauen und nicht Männer darstellten, und man fragt sich, warum nicht auch Göttinnen, die vor den Göttern erschienen sind.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Matriarchat dem Patriarchat vorausgegangen ist und viel länger gedauert hat als dieses. Während das Matriarchat ein natürliches Phänomen war, ist das Patriarchat ein kulturelles Phänomen.  Nach Jahrtausenden der Männer- und Phallusherrschaft haben es Frauen in Europa auf der Grundlage sozialistisch-sozialdemokratischer wie auch protestantischer Konzepte geschafft, wichtige Aufgaben in allen Bereichen der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft usw. zu übernehmen.
Besonders bewundernswert sind die Erfolge der Frauen in den nördlichen protestantischen Ländern, wo es eine Selbstverständlichkeit ist, dass eine Frau das wichtige Amt des Präsidenten oder des Premierministers (auch für Armee und Polizei) bekleidet und dass die Regierung zu 50 bis 70 Prozent aus Frauen besteht. Hier bietet sich ein glorreiches Feld des Ruhms für andere Religionen, insbesondere für den völlig rückständigen und höchst patriarchalischem   Islam, mit sehr negativen Folgen für die Gesellschaft.
Literatur
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Veröffentlicht ab 2014 in Griechisch häufig in de Kathimerini (Καθημερινή).
Aus meinem Buch: Παναγιώτης Δημητρίου Τερζόπουλος (Panos Terz): Εγκυκλοπαιδική και Κοινωνική Μόρφωση, Εκλαϊκευμένα: Θρησκεία, Ιστορία, Εθνολογία, Πολιτισμός, Γλωσσολoγία, Δεύτερος Τόμος (Enzyklopädische und Allgemeinbildung: Religion, Geschichte, Ethnologie, Kultur, Linguistik, Zweiter Band), ISBN: 978-620-0-61339-4, Saarbrücken 2020, 284 Seiten, ISBN: 978-620-0-61339-4, Saarbrücken 2020, S.61